Man geht so durch seinen Tag, durch die Wochen und Monate und die Bäume vorm Fenster wechseln die Farben, aber innen drin verändert sich gefühlt nichts. Man hat die gleichen Sorgen, Ängste und Befürchtungen, die mal größer und mal kleiner werden und zwischendurch so tun können, als wären sie gar nicht mehr da. 

Und dann sitzt man da und schaut raus und hofft darauf, dass irgendwas passiert. Einerseits weiß man, dass dieses Leben gerade nur auf Zeit ist, dass das auch mal anders wird, und daran halten sich die Gedanken fest. Irgendwann wird es anders. In ein, zwei Jahren. Oder noch mehr. Ist aber gerade ganz gemütlich, eigentlich. Obwohl man die ganze Zeit drauf hofft, dass etwas kommt, das einen aus diesem Trott reißt. Das einem den Boden unter den Füßen wegzieht und einen zwingt, etwas zu tun.

Doch passieren Veränderungen wirklich auf diese Weise? Kann man sie tatsächlich spüren? Sind das immer solche Momente, in denen man den Atem anhält und sich dessen bewusst ist, was da gerade geschieht?

Ist es nicht mit den Bäumen vor dem Fenster genauso? Ich habe nicht gemerkt, wie der Sommer langsam dahinschwand. Aber dass braune Blätter in den Pfützen lagen, das fiel mir plötzlich auf, als wir im Morgengrauen unsere Koffer über den Asphalt zogen.

Man merkt ja nicht, wie sich langsam die Farben verändern und in einander übergehen, man merkt nur, dass man beim Joggen auf einmal aufpassen muss, nicht auf dem ganzen gefallen Laub auszurutschen, dass es auf einmal viel windiger ist, früher dunkel, und auch den Rest des Tages weniger hell, man merkt das immer nur ganz plötzlich, obwohl es doch das Ergebnis eines schleichenden Prozesses ist, der sich ständig wiederholt, den man kennen sollte, an den man sich schon einige Jahre lang gewöhnen konnte, den man aber irgendwie nicht sieht. Man merkt das immer nur ganz plötzlich, und zwar daran, dass etwas anders ist als beim letzten Mal. Und da denkt der Mensch meistens nur an gestern.

Aber schon in manchen Wochen passiert so viel, das man sonst nicht wirklich anerkennt. Ich bin in ein Flugzeug gestiegen, zwei mal, ich habe von dort oben ein Gewitter gesehen. Ich bin mit dem Bus zu einem Vulkankrater gefahren, ich bin reingeklettert und habe Schwefel gerochen, ich war in einem abgelegenen Bergdorf auf dieser winzigkleinen Vulkaninsel, ich bin im Meer geschwommen, ich habe wildfremden Leuten meine Arbeit erklärt, ich habe konkrete Zukunftspläne geschmiedet, ich habe mich mit dem Hund der Nachbarin angefreundet, ich habe um meinen eigenen Hund getrauert, der letzte Woche starb und gebe gerne zu, dass ich noch nicht ansatzweise drüber hinweg bin, ich habe geweint, ich habe mich übergeben, ich hatte Fieber und die wüstesten Träume, ich habe nicht nur jeden Tag etwas getan, vor dem ich Angst hatte, sondern auch Dinge, die ich mir niemals zugetraut hätte, und ich habe sie nicht nur irgendwie überlebt, sondern wollte mir am Ende des Tages auf die Schulter klopfen.

Das sind diese Momente, in denen man merkt, dass sich etwas verändert hat. Wann ist egal, auch in welcher Geschwindigkeit, die Hauptsache ist, dass es passiert und man nicht die Hoffnung verliert, dass es immer weitergeht, selbst wenn man gerade meint, man steht mal wieder auf der Stelle.

Die bewussten, abrupten Veränderungen, die man selbst ganz kontrolliert anstoßen möchte, sind meistens ohnehin zum Scheitern verurteilt. Man nimmt sich ja dauernd vor, alles komplett anders und besser zu machen, gleich morgen ganz früh aufzustehen und sein Leben auf die Reihe zu bekommen, was auch immer einem da gerade mal wieder nicht passt oder was man überhaupt tun könnte, das ist egal, blinder Aktionismus macht Spaß, zumindest noch am Abend zuvor. Er gibt einem das gute Gefühl, irgendwas anzupacken, im Griff zu haben, hinzubekommen, weil man ja dauernd was tun muss, egal was, und wenn es kein cooles, vor anderen vorzeigbares Projekt ist, dann wenigstens Selbstoptimierung. Aber das einzige, was solchen Anfällen folgt, ist vielleicht, dass man mal kurz mehr Obst isst, was dann auch nur höchstens eine Woche lang anhält, bevor man wieder aufgibt. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn wenn man in einem Jahr überlegt, was wichtig war, dann bestimmt nicht die Anzahl der Äpfel, die man in Kalenderwoche 39 zu sich genommen hat.

Der Vollständigkeit halber… Teil II

Und wieder der Hinweis auf einen Text “dort drüben”: Wir können nicht alle Heidi Klum sein. Zum Glück!

Der Vollständigkeit halber…

Ein Hinweis auf einen Blogpost an anderer Stelle, nämlich in der FAZ (wheee!).

Wenn Sie mir bitte folgen möchten: Die Klowände der Realität nach der Bolognareform

Schlaflabor, vier Uhr nachts, der Patient schläft. Endlich, nachdem er mehrere Stunden im Minutentakt immer wieder um die eigene Achse rotierte, sich mal auf die linke und mal auf die rechte Seite wälzte oder sein Kissen zurechtboxte, wobei wir ihm zuschauten, so wie jetzt. Wir sehen ihn auf unserem Bildschirm, das weiß er auch, genauso wie wir die Kurven sehen, die nur eine andere Darstellung als das grobkörnige Bild aus mehreren Grautönen und etwas weiß sind, auf- und absteigende Kurven, die mal zucken, mal korreliert sind, mal ruhig vor sich hinfließen. Sauerstoffsättigung, Herzschlag, Atmung, Augenbewegungen, EEG. Wir passen uns seinem Rhythmus an, blicken auf, wenn die Amplitude der Kurven höher wird und lehnen uns zurück, wenn sie wieder sinkt, er durch die verschiedenen Schlafstadien in die REM-Phasen hineingleitet. Die Elektrode am Wadenmuskel zeigt jetzt keine Aktivität mehr an, da ist nichts, was man Anspannung oder Tonus nennen könnte, der Patient fängt nun leise an zu schnarchen, er träumt.

Die restlichen Zimmer dieser Etage stehen leer, wenn man durch den Flur läuft, hört man im ganzen Haus das Echo der Schritte, irgendwo knarzt eine Tür, sonst ist alles still. Draußen vor dem Fenster tanzen die ersten Schneeflocken des Jahres herab, wir trinken Tee, warten ab, wenden uns aber kaum noch vom flimmernden Bildschirm ab, um auf die Uhr zu sehen. Ein Mitarbeiter von der Station unter uns ist gerade zum Rauchen in den Hof gegangen, vorsichtig zieht er die Eingangstür hinter sich zu, damit sie ja nicht laut ins Schloss fällt. Der Kies knirscht unter seinen Schuhsohlen, ein paar Meter entfernt streicht die Katze eines Nachbarn zwischen den parkenden Autos umher.
Der ältere Mann knöpft sich seinen Kittel vorm Bauch zusammen, es ist kalt. Nach kurzer Zeit pafft er helle Wölkchen in die klare, kalte Nachtluft, die langsam hochsteigen und sich dann noch langsamer auflösen. In den umliegenden Häusern ist kein einziges Fenster mehr erleuchtet und es wird noch Stunden dauern, bis die Leute dahinter wieder aufstehen, vielleicht noch kurz auf der Bettkante sitzen bleiben und sich den Schlaf aus den Augen wischen, aber irgendwann atemlos zur Bahn marschieren, die gleich zwei Straßen weiter abfahren wird, aber das passiert alles später, jetzt noch nicht.
Draußen in der Stadt leuchten viel mehr und viel buntere Lichter als hier, dort sind die Straßen mit Sicherheit auch nicht so leer, viele Menschen werden heute wieder feiern gehen in einem der vielen Clubs oder Studentenkneipen, wir nicht, aber das ist okay.
Manchmal wünscht man sich, man könne die Uhren anhalten. Damit alles nur mal kurz stehenbleibt. Man sucht vergeblich nach der Pausetaste des eigenen Lebens, aber manchmal, wenn man Glück hat, dann fühlt sich die Nacht genauso an, als hätte man diese Taste gefunden.

(E.T.A. Hoffmann - Die Abenteuer der Silvesternacht)

(E.T.A. Hoffmann - Die Abenteuer der Silvesternacht)

Was bleibt

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Nach Horrorfilmen problemlos einschlafen können und nicht mal bemerken, dass noch eine Schranktür offen ist oder die Bettdecke einen nun ungeschützten großen Zeh nicht ganz bedeckt. Und Cola mit Zucker trinken. Richtigem Zucker. Die ganze Nacht wach sein, morgens mit den Pendlern nach Hause fahren und sich wacher fühlen als alle zusammen, die gerade dicht gedrängt einander auf die Schuhe starren. Inmitten von Menschen nicht mehr allein sein. Und das Alleinsein mit sich selbst aushalten. Weniger Angst haben vor Neuem, vorm Verlaufen, vorm Verlorengehen. Davor, dass der Akku des Telefons leer sein könnte. Obwohl man noch nicht genau weiß, wann man wie nach Hause kommt. Loslassen. Keine Schnappatmung mehr haben, wenn ich mal zu spät dran bin, ohnehin habe ich plötzlich viel mehr Zeit, laufe langsamer, trage keine Armbanduhr mehr, die ich dauernd im Blick behalte, ohne genau zu wissen, warum eigentlich. Ich seufze nicht mehr so schwer, wenn ich nach Hause komme, lasse beim Drehen des Schlüssels im Schloss nicht die Schultern fallen und den Kopf hängen, im Gegenteil.

Wenn er genau das sagt, was ich eine Sekunde vorher nur dachte, dann fühle ich etwas, was man ganz kitschig Angekommensein nennen könnte, aber eigentlich habe ich gar kein passendes Wort dafür, weil ich noch nie eines gesucht habe. Das ist für mich ein Konzept, über das so fürchterlich erwachsene Menschen gerne reden oder aber hoffnungslos Verlorene, und obwohl ich weiß, dass ich keiner dieser beiden Gruppen angehöre, bin ich manchmal ganz außer mir vor Freude, dass man auch ohne Verlobung mit 22, gemeinsam bezogener Wohnung im Elternhaus und bescheidene, aber überaus feste Pläne für den Rest des Lebens so empfinden kann. Das sind diese Leute, die jetzt schon ganz genau wissen, was sie “mal machen wollen” oder es tatsächlich schon tun, alt genug sind wir ja längst. Ich glaube, die machen mir noch mehr Angst als meine eigene Zukunft. Zu sagen, das sei bei denen nur so einfach, weil ihnen schlicht die Fantasie fehlt, wäre allerdings zu leicht. Mir fällt ja auch nichts ein.

Diese grundlos distanzierte Haltung erinnert mich sehr an die Arroganz, mit der man gelegentlich von seinen Bedürfnissen, Vorstellungen, Ideen und Ängsten denkt, man sei der einzige Mensch auf diesem Planeten, der sie habe, der jemals so wahrgenommen, empfunden und gedacht habe. So wie man sich mit 14 auch total sicher war, dass diese Band das Lied nur für einen selbst geschrieben habe. Oder zumindest, dass niemand Anderes zu diesem hochspezifischen Konglomerat von Emotionen fähig sei, als habe man da ein ureigenes Strickmuster entwickelt, welches durch dieses Lied in keiner anderen lebenden Person so evoziert werden könne, und dass diese eine Zeile für einen selbst so viel bedeutsamer sei als für alle anderen, denen fehle ja auch komplett das Verständnis dafür. Was war man doch für eine einzigartige Schneeflocke. Aber Bitterkeit allein ist kein Talent, leider. Und alles scheiße finden auch noch keine Kunst.
Und jetzt ist da jemand, der einen beruhigt, auf dem Boden hält und gleichzeitig darin bestätigt etwas Besonderes zu sein, jedenfalls für ihn, mindestens. Und er selbst ist so ganz anders als die anderen.

Ich weiß noch, wie er sagte, mein Zimmer sei schön, schön hell auch, aber so weiß und fast leer. Und ich fragte ihn, aber das Bücherregal? Es ist so lang und so hoch wie die ganze Wand hier und für sich genommen anstrengend bunt, eine Reizüberflutung, derer man nur habhaft werden kann, indem man die Bücher nach Farbe sortiert, damit das Auge sich beruhigen kann und das Hirn nicht mehr vor Überforderung zusammenzuckt und scheppernd alles fallenlässt, was es gerade an komplexen Informationen bündeln, integrieren oder irgendwohin übermitteln wollte. Und er verstand es und machte sich anders als C. nicht darüber lustig. Ich zeigte ihm alles, Geschriebenes und Gemaltes, und es machte mich nervöser als mich vor ihm auszuziehen, denn das bedeutet ja ohnehin nichts. Und ich dachte an C., dem ich nie etwas zu lesen gab, der es als abseitiges, sinnloses Hobby sah und mich schon mal mit einem verächtlichen Lächeln fragte, ob ich auch zu den naiven, hoffnungsvollen Versagern gehörte, bei denen sich im Laufe des Lebens immer mehr Manuskripte in der Schreibtischschublade sammelten, alle unfertig, eins unbrauchbarer als das andere. Und ich sagte, nein, leider. Und er lachte nicht mehr und schaute nur durch mich hindurch und ich sah ihn an und wusste in diesem Moment, es ist nicht nur vorbei, es hat nie angefangen.

Es ist, als ob sich irgendwo ein Knoten löst, den man schon gar nicht mehr bemerkt hat. Aber nur weil ein Gefühl irgendwann normal wurde, ist es noch lange nicht gut, und nur weil man sich an etwas gewöhnt hat, heißt das nicht, dass es nicht besser werden kann.

Immer fehlgedeutet: Das konstante Spiegeln, nicht aus Eitelkeit heraus, sondern als Resultat einer tief sitzenden Unsicherheit. Man betrachtet sich aus zehn verschiedenen Winkeln und versucht, daraus ein einzelnes Bild zusammenzusetzen, das irgendwie passt, aber es fühlt sich an wie damals beim Basteln, als die unsauber abgeschnittenen Kanten sich auch nicht ohne Gegenwehr ineinander verschränken wollten und stattdessen an den Fingern kleben blieben.

Aber hier bleibt nichts kleben, ich kann nichts halten, nichts integrieren. Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, was ich fühle, also schreibe ich, spiegele ich mich, versuche ich mich in anderen wiederzuerkennen, in ihrer Reaktion das eigentliche, wahre Bild zu erhaschen, aber was ich sehe, gefällt mir nie.

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Noch 37 Minuten, bis ich wieder Geburtstag haben werde. Ich bin allein, stehe im Bad, schaue in den Spiegel. Der Sidecut ist nachgewachsen, nun Angst, dass als nächstes ein Doppelkinn folgt. Zeichen, dass es mir zu gut geht. Dabei geht es mir gar nicht gut, geschweige denn zu sehr, und überhaupt: wer hätte das zu bestimmen und warum?

Das Zeichen der Rebellion, das ich mir brav beim Friseur schneiden ließ, ist bestimmt auch eine wunderbare Metapher für irgendwas, aber ich bin zu müde. Ich war schon damals zu müde, als ich den blonden Haaren nachschaute, die wie Staubflusen langsam auf den Boden schwebten, und jetzt bin ich es immer noch. Er hielt dabei meine Hand, jetzt ist er weg.

Die Haare sind wieder kinnlang, aber dünner. Früher wollte ich das immer, aber ich wollte auch, dass die Locken verschwinden, diese wirren blonden Locken waren zu auffällig, damals. Dabei waren nicht sie das Problem, sondern die Aufmerksamkeit. Jegliche Beachtung. Ich wollte nicht gesehen werden und dann wiederum doch. Das konnte ja nur schiefgehen. Letzte Nacht habe ich davon geträumt, von den Orten von früher und den Menschen und ich konnte wieder nichts davon behalten außer dem Gefühl der Beklemmung, aber das wird so schnell nicht vergehen, das rückt nicht langsam von einem ab, nur weil man mehr Zeit zwischen sich und das Damals bringt.

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Er sagt, die Schule sei für ihn die schönste Zeit gewesen. Ich schaue ihn verwirrt an, wir kennen uns immerhin seit der 10. Klasse, meint er das ernst? Ich bin betrunken, lachen kann ich trotzdem nicht. Wird halt doch nichts mehr mit uns beiden, wer hätte das gedacht.

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Der andere, der immer nur fragt, wie es denn um uns beide steht. Was ihn angeht, habe ich da einiges an Hoffnung. Für mich nicht.

Sehr selten so neidisch auf etwas gewesen wie auf das Gefühl, das dem von ihr geäußerten “Aber wovor denn?” zugrunde gelegen haben muss, als ich ihr sagte, dass ich Angst hätte. Und zu wissen, dass sie damit keinen der möglichen Anlässe zu identifizieren versuchte, sondern ehrlich und tatsächlich keine Ahnung hatte, dass es überhaupt einen einzigen geben könnte.

Wie sich das anfühlen muss, dass Angst eben nicht die Grundeinstellung ist und damit nicht nur das erste, an das man denkt, sondern auch das erste, was man fühlt, und zwar bevor man überhaupt merkt, DASS man etwas fühlt. Wie frei man sein muss im Denken, so ganz ohne diese Glasglocke, die sich von oben über den Kopf und die Gedanken herabsenkt, alles innerhalb und außerhalb des eigenen Kopfes dämpft, um zuerst den klaren Blick und schließlich die Luft zu nehmen.

An manchen Tagen denke ich, es frisst mich auf, aber ich war schon mal viel weniger, und heute ist genug da, das auch bleibt. Das nicht mehr gehen wird, gute Dinge, bereichernde, viel mehr noch Menschen, und trotzdem oder gerade deshalb Raum und Perspektive und all das andere Gute, das sonst so oft Floskel ist, aber jetzt zum ersten Mal greifbar.

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Sie sagt, sie hat den Eindruck, ich blühe auf. Ich möchte sie fragen, ob man etwa merkt, dass ich von der letzten Nacht immer noch total verstrahlt bin.

Ich war noch nie so fertig im Büro wie an diesem Tag, aber ich “musste” ja, es war der erste Tag nach dem Urlaub. Und überhaupt. Wieder so ein Moment, in dem ich merke, wie bereitwillig und verbissen ich Pflichten erfülle, die ich mir vor allem selbst auferlegt habe.

Läuft doch alles, man könnte sich doch entspannen, aber nein. Nicht, wenn man nicht weiß, wohin. Es muss einfach immer weitergehen, und ohne Ziel kann man sich keine Pause erlauben. Das rast mir alles so durch den Kopf, wie immer, seit Jahren das gleiche, schrille Karussell.

Und dann ist einfach die Motivation alle. Und ich merke, ich bin einfach nicht mehr verzweifelt genug. Kann man noch großmütig behaupten, man “trete jetzt mal auf die Bremse”, nur weil man merkt, dass man gleich an einer Wand klebt, wenn man so weitermacht? Versuche ich hier gerade, ein Versagen als Vernunft zu verkaufen? Und an wen überhaupt?

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Lange nicht mehr geschrieben, den ganzen Unfug anders ausagiert. Einziger Fetzen eine Notiz vom 29. Juli, 4:38: “Egal wohin, nur raus aus der eigenen Haut.” Keine Ahnung, ob Zitat oder Eigenes, wie so oft, keine Ahnung, wie es mir da ging oder wo ich war, wie noch öfter. Alles verschwimmt. “Ich weiß ja auch nicht” der häufigste Satz gerade, dann wie auf einen Schreck folgend plötzlich Tränen, die genauso plötzlich wieder aufhören. Abgebrochene Gedanken, ich weiß einen Satz später nicht mehr, wie der erste endete, aber das ganze Unwichtige, das bleibt hängen. Ich muss an die müde aussehende Dozentin mit der schlechten Blondierung denken, der sowohl zu Schizophrenie als auch zu Demenz nicht mehr einfiel als immer wieder “formale Denkstörungen” zu wiederholen, sie wirkte selbst wie eine gesprungene Platte, außerdem war der Raum zu warm, ich habe mich schrecklich gelangweilt, am liebsten hätte ich die gesamten acht Stunden dieses sinnlosen Blockseminars meinen Kopf gegen die Wand geschlagen. Überhaupt, die Uni gerade eine unglaubliche Zumutung. Ich habe mich bisher noch nicht mal dazu durchringen können, den Semesterbeitrag zu überweisen. Warum auch, wenn ich mich von dem Geld schätzungsweise zehn mal so betrinken könnte, dass man mir den Magen auspumpen müsste, was ich immer noch spaßiger fände. Innerlich stemme ich mich gegen alles, meine Noten werden trotzdem immer besser, wie damals mit 14, in dem Sommer, in dem ich mehrere Wochen nur an Tod und Leere dachte, nicht mehr lachen konnte, nicht mehr aß, mit dem Unterschied, dass ich damals wie wild schreiben und die Zerrissenheit artikulieren konnte, jetzt kommt nichts mehr. Weil da nichts Drängendes mehr in mir ist. Kein Bedürfnis. Damals wollte ich ständig etwas Anderes oder hatte zumindest Angst vor Verlust oder strebte irgendwas entgegen, heute: Gleichgültigkeit. Mir doch egal. Jetzt nicht. Sollen sie doch. Ich steig aus. Versprecher der letzten Woche: In Regelstudienzeit abbrechen. Was haben wir gelacht. Wie soll man so viel Verzweiflung und Hoffnung, die gleichzeitig in einem hochkochen, sonst auch Herr werden.

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Die Klausur in meinem Hauptfach gebe ich nach weniger als einer halben Stunde ab und weiß, dass es eine 1,0 ist, ich bin beleidigt, weil es so einfach war, dann fahre ich mit dem Rad nach Hause, überlege, was ich mit dem Tag, der Woche, dem ganzen Rest eigentlich anfangen soll und als mich ein Bus fast überfährt, weiche ich nicht mal aus.

Er schreibt “Wie schön du die Adjektive nach Mengenangaben groß schreibst. Das ist selten und wertvoll.” und ich verstehe wieder ansatzweise, warum ich mich damals in ihn verliebte, obwohl ich bei solchen Bemerkungen nie weiß, ob ich sie auf die Goldwaage legen darf, was ich aber ungeachtet dessen jedes Mal tue.
Jetzt ist vieles anders, wir auch, irgendwie, aber das, was damals wundersamerweise passte, das passt immer noch viel zu gut. Dann tippt er “Ich glaube, für andere Menschen wäre es schwierig, das mit uns nachzuvollziehen”, und ich denke, lüg doch nicht, es geht dir selbst genauso.
Nachdem er gegangen ist, betrachte ich die Skyline durch das beschlagene Fenster. Einzelne Tropfen rinnen herab, dabei steht es jetzt schon seit zehn Minuten offen, und kalt ist mir immer noch nicht.

Was sich komisch anfühlt, denn in den Tagen davor war das eines der wenigen intensiven Gefühle, wenn auch mit nichts besetzt. Kalt, müde, erschöpft. Und alles war wie abgedämpft durch die Watte, in die man sich selbst packte, um nicht kaputtzugehen oder irgendwelche Teile des Umfelds zu beschädigen. Die Bläschenfolie zwischen drinnen und draußen. Alles Schwierigere und die ganzen Dinge, über die man hätte nachdenken sollen, müssen, wollen, aber nicht jetzt, verschwammen hinter einem Dunst aus Erschöpfung wie jetzt die Lichter der Stadt hinter der trüben Scheibe. Es fühlte sich wie ein Wunder an, nach Wochen wieder normal essen zu können, den fehlenden Schlaf hatte der Körper schon früher eingefordert, immer ein paar Stunden, mal in der Bahn, aber auch im Büro oder zu Hause am Schreibtisch, dauernd klappten die Lider nach unten, aber ich wusste nicht, wohin mit der ganzen Schwere, aber um länger als ein paar Stunden aufzugeben ist der Stolz dann auch wieder zu groß. Kapitulieren kann man nach Feierabend, auch wenn es bis dahin noch Wochen dauern wird. Ich bin mein eigenes Steh-auf-Männchen, ich bin nur gerade am Kippeln.

Und dann sitzt man ausgeschlafen und satt mit warmen Socken und seinem Geruch in den Haaren auf der Bettkante, sieht die hohen Türme mit ihren Hunderten von Fenstern und hört die Autobahn und weiß, dass auch dies wieder nur eine Atempause sein wird, vorerst zumindest, aber das ist egal. Es geht schon, weil es immer irgendwie ging und wenn wir das hier nach über drei Jahren wieder so hinbekommen haben, dass es funktioniert, dann ist der Rest des Lebens doch nichts Anderes als eine Fleißaufgabe, die uns beschäftigt hält, bis wieder der gute Teil kommt. Bei dem man dann wieder denkt, es ist alles so einfach, warum kann es nicht immer so sein?

Zwei Wochen später war es vorbei.

(Hier passiert bald wieder mehr. Versprochen. Danke fürs Folgen, Lesen, für die Reaktionen und alles Andere.)

(Hier passiert bald wieder mehr. Versprochen. Danke fürs Folgen, Lesen, für die Reaktionen und alles Andere.)

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Nur die Liebe und das Wetter hören nimmer, nimmer auf.

Und die Melancholie, um diese Jahreszeit zumindest. Und der blinde Aktionismus. Und wenn man gerade zu faul und zu müde ist sein Leben aufzuräumen, räumt man seine Festplatte auf. Einziges Bedauern beim Löschen all der Bilder und Chatverläufe: Nach 4 Jahren wäre ich mal in der Lage, ihm gegenüber zuzugeben, dass ich ihn wirklich mochte. Nicht mehr mag, mittlerweile, dafür war zwischendrin und danach zu viel und es passte in die Zeit und zu denen, die wir damals waren. Zu heute nicht mehr. Und auch nicht zu mir. (Ihn kenne ich nicht mehr.) Und obwohl das hier zu Hause ist, tut es nicht mehr weh.

Es ist so lange her, ich wünsche mir mittlerweile nicht mal mehr ein anderes Ende. Es ist so lange her, da waren sogar noch Bilder von uns beiden auf Myspace. Und Pinnwandeinträge. Es ist so lange her, dass ich die Musik mittlerweile wieder hören kann. Und es nicht nur aushalte, sondern es mir nichts mehr ausmacht. Es ist so lange her, dass ich es nicht mal mehr verklären muss, weil ich mir jede Hoffnung einzeln zog, ziehen musste, denn er ließ sie alle da. Und heute verschwand sogar der Phantomschmerz.

Measure me in metered lines
And one decisive stare
The time it takes to get from here to there
My ribs that show through t-shirts
And these shoes I got for free
I’m unconsoled
I’m lonely
I am so much better than I used to be
Terrified of telephones
And shopping malls and knives
Drowning in the pools of other lives
Rely a bit too heavily
On alcohol and irony
Get clobbered on by courtesy
In love with love and lousy poetry
And I’m leaning on this broken fence
Between past and present tense
And I’m losing all those stupid games
That I swore I’d never play
But it almost feels okay

(The Weakerthans - Aside)

Auf ein Neues, Freunde. 

Auf ein Neues, Freunde. 

Nach einer Zeit und mit viel Abstand fällt einem auf, dass das Dorf nichts für die mit ihm assoziierte Jugend kann. Und selbst obwohl man nie ganz drüber hinwegkam, sondern nur mit einer Schramme dran vorbei - es waren nie die Orte, sondern die Menschen und die Zeit, die den Straßen und Plätzen ihren zuweilen schalen Geschmack gaben, die die Luft mit unangenehmer Spannung aufluden, die immer noch da ist, wenn man 7 Jahre später um die gleiche Ecke biegt. Manchmal reicht es, in einem Schulbus zu sitzen, um zu begreifen, wie viel besser das Leben geworden ist. Weil man sich nicht mehr wie das uncoolste Kind in der Reihe fühlt, das heute vielleicht wieder gemobbt wird. Weil man jetzt jemand Anderes ist. Dabei ist man das gar nicht wirklich, man fühlt sich nur so, weil man aus einem anderen Kontext wieder zurückstolpert in diesen kleinen Rahmen und plötzlich nicht mehr überfordert ist. Man muss keine Angst mehr vorm Scheitern haben, weil es entweder schon passiert ist, man es erst in 30 Jahren merkt, weil man einfach zu doof ist und es deshalb auch nicht anders verdient hat, oder weil die wirklich schwierigen und wichtigen Kämpfe heutzutage an anderen Orten ausgefochten werden und nicht mehr hier, wo man die Regeln versteht.

(Ich wollte es Heimatblues nennen, aber dafür ist es hier zu grau.)

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/ Faszinierend, wie alles Gute und jede Zuneigung nur eine kleine Delle in die harte Schale schlagen, während die verletzenden Dinge, die, die angreifen oder so gesehen werden können, einfach durchgehen, mittenrein, wie ein Blitzschlag ins Innerste und Persönlichste, egal, ob eine Äußerung oder ein Ereignis dahin zielte oder reiner Zufall war. Die Freude klopft nur leicht an und verschwindet dann wieder, wenn es nicht jemand vehement immer wieder versucht, einen Abdruck zu hinterlassen. Und manchmal passiert es dann doch und erst in diesem Moment merkt man, dass das überhaupt noch geht, aber dann ist der Andere schon längst uneinholbar weit weg. 

/ Als sei man irgendwem intellektuell überlegen, nur weil man vorrangig sich selbst kaputtmacht. Als sei man vor Verletzungen sicher, nur weil man sie sich selbst zufügt. Als habe man irgendeine Art von Kontrolle, nur weil man entscheidet, sie ihm nicht zu geben. Und auch sonst nichts.

/ Er versteht nicht, wie einem die Decke auf den Kopf fallen kann, was das heißt, wie sich das anfühlt, wie sich irgendwas anfühlt, fühlt er denn überhaupt was? Und denkt er auch mal? Ich kann nicht erklären, was er ohnehin nie begreifen wird und ich weiß auch nicht, wie man formuliert, dass im Sommer scheinbar der ganze Himmel runterfiel, inklusive der vielen dicken Engel mit ihren Harfen und dem ganzen Brimborium und dass einem Zuckerwattewolken die Lunge verstopfen, besonders die Schäfchen.

/ Er sagt, er mag was ich schreibe, was ich mir ausdenke, also wirklich, spannend, wo ich das hernehme? Und er redet direkt weiter, nein, ach, keine Schmeichelei, undsoweiter. Und ich schaue in meine Tasse, meine Augen bleiben an den kleinen Bläschen hängen, die dort auf und ab zittern, wo der Tee die mittlerweile etwas angewärmte weiße Porzellanwand trifft, aber sie tun sonst nichts, die Bläschen, nichts außer glänzen und glotzen und kleine Erschütterungen ins Sichtbare übersetzen, und ich muss dem Drang widerstehen, meinen kleinen Finger durch den filigranen Henkel zu schieben, langsam den Arm zu heben und eine nach Pfefferminz duftende Welle heißen Wassers über den Tisch und in seinen Schoß schwappen zu lassen. Ich schaue wieder hoch, er blickt immer noch so blöd in meine Richtung, er sitzt mir ja leider gegenüber, und ich traue mich immer noch nicht zu sagen, dass das alles echt ist, du Vollidiot.

Eine kleine Notiz zu “Drogen” und Bierwerbung und 4 Zeilen John Green

In einem Seminar zu Substanzabhängigkeit und -therapie wurde vor kurzem über die Instrumentalisierung psychoaktiver Substanzen gesprochen, ein guter Blick über den Tellerrand, gerade weil der nicht als Sucht bezeichnete Konsum seltener wissenschaftlich betrachtet wird, und wenn, dann lediglich als Begleiterscheinung bzw. nötige Anfangsbedingung, um schließlich süchtiges Verhalten zu entwickeln. Viele Forscher plädieren jedoch für die Anerkennung als eigenständiges und durchaus verbreitetes Phänomen, dessen proximate und ultimate Mechanismen interessieren: Wie funktioniert das und warum macht der Mensch das?

Relativ einleuchtend fand ich beispielsweise folgendes Erklärungsmodell: 

Man kann sich unsere Umgebung, in der wir uns täglich bewegen, als Summe kleiner Mikro-Umgebungen vorstellen (beispielsweise Arbeit, Familie, WG, Uni, …). Jede dieser Mikro-Umgebungen stellt gewisse Anforderungen an uns bzw. erwartet spezifisches, rollenkonformes Verhalten. Die beste Anpassungsleistung besteht demzufolge darin, dass wir diesen Wechsel möglichst schnell und gut auf die Reihe bekommen. So, und jetzt kommen die psychoaktiven Substanzen ins Spiel, die uns dabei helfen können, lockerer zu sein, konzentrierter, besser gelaunt - generell die gerade erwünschteste Variante von uns selbst.

Gerade in der sozialen Interaktion sind die kontextspezifischen Regeln und Anforderungen meist nicht explizit und sofort durchschaubar und Übergänge, beispielsweise vom beruflichen zum privaten Setting, können mit besonderen Schwierigkeiten und Stress verbunden sein. Das war im diskutierten Artikel (s.u.) dann auch das Paradebeispiel für den Konsum von Alkohol, welcher das Erreichen bestimmter Ziele (z.B. soziale Disinhibition, reduzierte Angst) erleichtern kann. Man lernt das, vielleicht irgendwann in der Pubertät, wenn man merkt, dass es nach 3 Bier viel einfacher ist, der süßen Mitschülerin seine Liebe zu gestehen - und das, obwohl man nur noch lallen kann - und greift im späteren Leben gerne drauf zurück (erst mal ein Schnaps zur Entspannung und dann noch einer für die Stimmung etc.). Entspannt und fröhlich können wir auch ohne Alkohol sein, darum geht es nicht, wir können es nur nicht immer auf Knopfdruck. Aber höchstwahrscheinlich mit steigendem Pegel.

Dieser Gebrauch psychoaktiver Substanzen lässt sich übrigens auch bei Tieren beobachten, wird von den Autoren entschieden von Sucht abgegrenzt und wenig problematisiert, aber schon allein das genannte Beispiel klingt für mich nicht so, als habe man absolut alles wunderbar im Griff. Sinnvoll, ja. Zutreffend auch. Aber nicht “gut”, oder, um ein noch schwierigeres Wort zu benutzen, “gesund”. Umso komischer fühlte es sich dann für mich an, dass sich eine recht aktuelle Bierwerbung genau dieses Motivs bedient. (Ja, der Spot ist nicht superneu, aber ich sitze selten den ganzen Tag zu Hause und schaue Werbung, deshalb sah ich ihn jetzt erst.)

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Eine interessante Betrachtung “problematischen” Trinkverhaltens findet sich übrigens auch bei Peter Van Houten aus John Greens “The Fault in Our Stars” (Dutton Books, S. 185): 

He took a long drink, then grimaced. “I do not have a drinking problem,” he announced, his voice needlessly loud. “I have a Churchillian relationship with alcohol: I can crack jokes and govern England and do anything I want to do. Except not drink.”

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Zum Weiterlesen hier der erwähnte Artikel.

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