Meine Kurzgeschichte für 63,75

Die folgende eher längliche Kurzgeschichte erschien zum Teil schon im Buch 63,75, das man hier erwerben kann. So richtig auf Papier und wunderhübsch und groß mit wunderbaren Texten fantastischer Autorinnen und Autoren drin. Und mir, juhu!

-

Und ich gebe zu ich bin ziemlich kriegsgeil

ich will dabei sein wenn das alles explodiert

und dann tot sein oder aufstehen aus Asche und Trümmern

und zusehen dass der Laden wieder funktioniert

(Gisbert zu Knyphausen)

Als es passierte, kannte sie Herrn W. seit ziemlich genau einem Jahr. Unter normalen Umständen ist das eine Zeit, in der man einen Menschen gut kennenlernen kann, in der Psychoanalyse jedoch bedeutet dies nicht viel mehr als dass sie gerade angefangen hatten an seinen größten Problemen zu arbeiten, doch diese konnten sich gleich am nächsten Tag wieder ändern, denn bei Herrn W. bedeutete ihn ein Jahr lang zu kennen, dass man immer noch keine Ahnung hatte, wer er eigentlich war.

Es gab Leute, mit denen sie nur kurz ein paar Worte wechseln musste, nicht mal ganze Sätze, um sie mental einsortieren zu können. Diese Kategorisierung anhand der Art wie sie redeten, über sich selbst sprachen, mit ihrer eigenen Vergangenheit umgingen und in die Zukunft sahen, hatte sie schon ihr ganzes Leben lang bewusst und unbewusst geprobt. In diesem einen Fall allerdings, bei der Betrachtung dieses merkwürdigen Mannes, funktionierte sie überhaupt nicht mehr.

Sie kannte die Eckdaten seines Lebens, aber nichts, um die von ihnen aufgespannte leere Fläche mit Bedeutung zu füllen. Da war die Frau, die nicht mehr lebte und über die er selten sprach, und wenn, dann ganz so als sei sie nie gestorben, sondern als hätte sie sich eines Tages einfach dazu entschlossen zu verschwinden. Zwei Kinder, die mittlerweile längst erwachsen, weggezogen und für ihn dadurch fast genauso unerreichbar waren, denen er allerdings recht gleichgültig gegenüberzustehen schien. Früher hatte er an einem Gymnasium unterrichtet, Mathematik und Physik, bis er dann vor etwa 10 Jahren in Rente gegangen war. Heutzutage schien nicht mal er selbst noch zu wissen, warum er alleine und die allermeisten Tage sehr traurig in einer kleinen Dachstube in einem schiefen Fachwerkhaus am östlichen Rande Wiesbadens wohnte, wo es still war und leer, kein Leben in den Straßen, und grau war es wohl auch, zumindest in seinen Berichten, die oft ausuferten, wenn er mal wieder in einer gereizten Stimmung war. Und das war er häufig, trotz seiner sonstigen Kraftlosigkeit.

Überhaupt war da wenig Farbe und Licht in ihm und seinen Erzählungen. Er selbst hatte hellgraue Augen, die hinter seiner dicken Brille oft nervös blinzelten, eine Farbe, die wie ausgewaschen erschien, ganz so als sei sie einst viel kräftiger gewesen. Herr W. war groß, doch er wirkte nicht so. Seine breiten Schultern und sein vorgestrecktes Kinn konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er über die Jahre mehr und mehr in sich zusammengesackt war. Er war früher bestimmt einmal eine stolze Person gewesen, doch davon waren nur die gut sitzenden Jacketts und Hemden übrig geblieben, die er mit Vorliebe trug, so als repräsentiere er mehr als einen alten Mann, der sich oft innerlich leer, allein und von der Welt im Stich gelassen fühlte. Hobbys hatte er keine, außer der Mathematik, die ihm mehr bedeutete als alles andere. Er konnte sich stundenlang in seinen Berechnungen verlieren und an besonders langen, tristen Tagen, von denen es viele gibt, wenn man allein ist und in seinem Leben keinen Sinn mehr erkennt, grub er oft alte Probleme aus, die er früher nicht hatte lösen können. Diese ließen ihn nicht los und es frustrierte ihn umso mehr, wenn er sich wiederholt als unfähig erwies, sie zu verstehen. Es schien als brenne in ihm beständig ein Feuer der Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt und es war nicht ganz klar, ob dieses Feuer schon immer dagewesen oder vor vielen Jahren von etwas entfacht worden war. Sicher war nur, es würde so schnell nicht mehr ausgehen und oft genug wirkte es auf seine Therapeutin wie die einzige Art von Energie, die er noch besaß.

Es frustrierte ihn über alle Maßen, dass niemand seine Liebe zur Mathematik nachvollziehen konnte, geschweige denn die Probleme selbst, an denen er in seiner Kammer oft nächtelang Stunde um Stunde herumtüftelte. Er erwartete es auch gar nicht mehr. Über die Jahre war er in eine derartige Verbitterung hineingeraten, dass er sich erschrocken die Brille geraderücken musste als seine Therapeutin ihm in einer Sitzung mitteilte, dass sie zwar den mathematischen Formeln nicht folgen könne, doch gut verstehe, wie wichtig ihm die Beschäftigung damit sei, hatte er doch gerade wieder zu einer seiner ausufernden Tiraden über seine dummen, unempathischen Mitmenschen angesetzt, die ihn alle nicht verstünden und mit denen er deshalb auch nicht mehr rede. Überhaupt, Menschen.

Herr W. ging sehr gerne spazieren, manchmal lief er stundenlang ziellos durch die Stadt. Seine Spaziergänge waren die luxuriöseste Form der Zerstreuung, die er sich genehmigte. Er unternahm sie am liebsten nachts oder in der Morgendämmerung, wenn er im Biebricher Schlosspark vielleicht ein paar einsame Jogger oder Alkoholiker traf, bei denen er zwar jedes Mal neu evaluierte, wen er mehr bemitleidete, die ihn aber zumindest nicht ansprachen. Mit anderen Menschen zu reden fand er überaus anstrengend, er hatte immer das Gefühl, sein Gegenüber zu langweilen. Das beunruhigte ihn nicht sonderlich, schließlich ging es ihm selbst mit den meisten so, bestätigte ihn aber in seiner Ansicht, dass ein alltägliches Gespräch ohne Ziel und Erkenntnis mit die schlimmste Zeitverschwendung darstellt, zu der der moderne Mensch fähig ist.

Er hatte sich über die Jahre jeglicher sozialer Kontakte entledigt, sonderlich viele waren das ohnehin nie gewesen, und mit dem Tod seiner Frau seien auch die wenigen bis dato aufrechterhaltenen Bekanntschaften im Sande verlaufen. Er selbst habe allein weder die Kraft noch den Willen, Beziehungen aufrechtzuhalten. Seiner Frau sei das immer leichter gefallen, sie habe mit Zwischenmenschlichem viel natürlicher und spontaner umgehen können als er, für den die Pflege sozialer Kontakte lästigen Fleißaufgaben gleichkam und zur selben Zeit mit Unsicherheiten und Ängsten versetzt war, da er Schwierigkeiten hatte, die zugrundeliegenden Regeln zu erkennen, die alle anderen Menschen scheinbar internalisiert hatten und über die außer ihm niemand mehr nachzudenken schien. Es machte ihn wahnsinnig, diese Unbeschwertheit zu beobachten, zu der er nicht in der Lage war, genauso wie er gute Laune und Ausgelassenheit nicht verstand. Oder Partys. Was hatten andere Leute eigentlich immer zu feiern?

Die Feststellung der Therapeutin, dass seine Frau ihm damals den Zugang zur Welt erleichtert habe, tat er mit einer Handbewegung ab, fast so als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, und nannte sie „pathetisches Gewäsch“. Doch als er danach den Blick auf den Boden richtete, huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht, gerade so, dass man es erahnen, aber nicht wirklich sicher sein konnte es gesehen zu haben, so schnell war es wieder verschwunden.

Über seine Frau sprach er kaum, über ihren Tod nie. Wie sie gestorben war wusste seine Therapeutin auch nach einem Jahr Analyse noch nicht und sie vermutete, dass er nicht antworten würde, fragte sie ihn direkt. Also wartete sie ab und versuchte währenddessen, die tiefsitzende Unzufriedenheit zu ergründen, die ihn stets überkam, musste er sich mit der Welt außerhalb seiner kleinen Wohnung auseinandersetzen.

Doch als er an diesem sonnigen Junitag in der Praxis seiner Therapeutin erschien war er ganz anders als sie ihn bisher erlebt hatte. Er wirkte auf eine merkwürdige Art fröhlich, auf jeden Fall aufgeregt, und sie hatte keine Ahnung, woher dieser Zustand kam. So nervös und fahrig wie er sich wiederholt die schneeweißen Haare an den Schläfen glattstrich und seinen Hemdkragen richtete, machte er auf sie einen fast manischen Eindruck und sie fragte sich, ob sie sich zurecht sorgte. War es nicht etwas Gutes, dass der sonst so ruhige, zeitweise fast apathisch wirkende Herr W. auch noch aufgeregt sein und sich auf etwas freuen konnte? Dies waren doch immerhin normale Gefühlsregungen, ihr kleiner Sohn hatte neulich auf ähnliche Art seinem ersten Schultag entgegengefiebert. Nur bei Herrn W. wirkte es bizarr, ganz so als habe sein fahles Gesicht mit der Zeit das Lachen verlernt, so dass seine Mundwinkel nur noch unter großer Anstrengung den Weg nach oben fanden, wobei sich auch der Rest seines Gesichts verzerrte und das daraus resultierende Lächeln wirkte, als habe es jemand geschnitzt, der sehr wenig Ahnung von der menschlichen Anatomie hatte.

Die Therapeutin fragte ihn wie jede Woche, wie es ihm in den letzten Tagen ergangen sei. Er blickte ihr ohne Blinzeln direkt in die Augen, grinste, schien einen Moment zu überlegen, ob er den Grund seiner freudigen Unruhe mit ihr teilen solle, schlug dann die Beine übereinander, lehnte sich zurück und sagte mit einer für seine Verhältnisse recht lauten und sicheren Stimme, er habe an etwas gearbeitet, das er lange vor sich hergeschoben habe, vorrangig aus Angst, es könne scheitern. Aber jetzt sei es soweit, er wisse sicher, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei, er habe lange gewartet und sich vorbereitet und es habe sich gelohnt. Auf den fragenden Gesichtsausdruck seiner Therapeutin antwortete er nur mit einem erneuten Lächeln. Ihr fiel erst jetzt auf, dass er beim Reden in ihre Richtung gerutscht war, er saß jetzt auf der Kante der Couch, von wo er ihr unentwegt in die Augen schaute und, das wusste sie genau, gespannt ihre Reaktion abwartete. Sie war zu beunruhigt und zugegebenermaßen auch zu neugierig, um ihn lange warten zu lassen und tat ihm den Gefallen, direkt nach diesem Projekt zu fragen, welches ihn so beschäftigte. „Nun“, sagte er leise, während er sich mit den Fingern über das stoppelige Kinn strich, „es ist mehr ein Geschenk an meine Frau als eine… nennen wir es eine Aufgabe, die ich sonst nur für mich erledige, wie die Mathematik. Und es war trotzdem schwer, ich habe die Zeit auch gebraucht. Aber jetzt sind sieben Jahre vergangen. Es ist Zeit.“ Die Therapeutin erinnerte sich, dass er in einem der ersten Gespräche bereits den Tod seiner Frau erwähnt hatte, sie war im Sommer gestorben, das wusste sie noch, und vor sieben Jahren, aber mehr nicht. Spielte er darauf an? Sie war sich auch nicht sicher, warum er das tun sollte. Und schon gar nicht, wofür nun angeblich Zeit sei. Bevor sie sich eine vorsichtige Frage zurechtlegen konnte, fuhr ihr Patient allerdings von sich aus fort: „Nun, Sie werden davon erfahren, da bin ich mir sicher. Es dauert auch gar nicht mehr lange. Wissen Sie, die Analyse fand ich immer sehr spannend. Ich würde sie nicht Refugium nennen, aber sie ist eine angenehme Illusion. Als wäre alles so einfach und als würde Nachdenken irgendwas bringen. Dem würde ich auch gar nicht widersprechen, wären mehr Menschen dazu in der Lage. Aber so, so wie die Welt funktioniert, so wie die Menschen funktionieren… so bringt es doch alles nichts, leider.“ Mit einem Seufzen stand er auf, nahm seinen Mantel vom Haken und wandte sich zum Gehen. Sie wollte ihn bitten, sich wieder zu setzen, seine Gedanken zu sortieren und vor allem zu erklären, da hatte er schon die Türklinke in der Hand, drehte sich ein letztes Mal zu ihr um und sagte knapp: „Bleiben Sie den Rest des Tages lieber zu Hause.“. Mit einem leisen Klicken fiel die Tür ins Schloss, sie hörte, wie sich seine energischen Schritte auf den knarrenden Dielen des Flurs schnell entfernten und wählte mit zitternden Fingern den Notruf.

Herr W. schien nicht überrascht, als kurze Zeit später ein Sondereinsatzkommando der Wiesbadener Polizei bei ihm klingelte, allerdings hatte er offensichtlich in der Zwischenzeit beschlossen, nicht mehr zu sprechen. Stumm lächelnd ließ er sich von den Beamten nicht einmal zu einem Nicken oder Kopfschütteln bewegen und beobachtete gleichgültig, wie sie seine wenigen Zimmer durchsuchten, vermutlich ohne selbst genau zu wissen, was sie zu finden hofften. Die Polizisten blätterten ziemlich ratlos in den Dutzenden von mathematischen Arbeiten, die er in den letzten Jahren angefertigt hatte, Hunderte von Seiten Millimeterpapier, mit spitzem Bleistift eng beschrieben, gebunden und mit Datum versehen. Genauso sahen seine Tagebücher aus, die allerdings nur kryptische stichpunktartige Aufzeichnungen enthielten, aber da die Beamten auch diese nicht verstanden, was in ihrer Welt als potentiell bedrohlich galt, nahmen sie die dicken Hefte mit. Genauso wie Herrn W., der immer noch nicht sprach, scheinbar in Gedanken versunken aus dem Fenster schaute und sie insgeheim ob ihrer Dummheit verspottete, dessen waren sie sich sicher.

Es passierte am Abend um 20 Uhr. Der Biebricher Schlosspark war voller Menschen, die in schnatternden kleinen Grüppchen auf den Beginn eines Konzerts warteten. Die langen Gräser um die Moosburg herum kräuselten sich im lauen Sommerwind, es war noch hell und auf der Bühne, die direkt neben der imposanten Ruine aufgebaut war, gingen in diesem Moment die Scheinwerfer an, die für einen Moment den ganzen Park zu erleuchten schienen. Dann kam sie die Druckwelle. Der Boden, auf dem die Konzertbesucher eben noch gestanden hatten, sah aus als sei er auf links gedreht worden, es regnete Erde, Steine und menschliche Körperteile und unter den wenigen schwer verletzten Überlebenden brach eine blinde Panik aus.

Herr W. hingegen saß in einem sehr ruhigen, sehr grauen Raum zwei Polizisten gegenüber, die ihm seit mittlerweile einer Stunde hilflos, aber überaus ambitioniert verschiedenste Fragen stellten ohne etwas zu erfahren, was ihnen auch nur im Entferntesten relevant erschien. Der Beamte, der Herrn W. direkt gegenübersaß, war sichtlich nervös, er kaute gelegentlich verstohlen auf seinem Kugelschreiber herum und wippte unter dem Stuhl mit den Füßen, während er versuchte, durch besondere Strenge in der Stimme seine Autorität zu wahren. Als die Zeiger der großen Uhr, die Herr W. die ganze Zeit über aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, auf genau 20 Uhr standen, lehnte er sich lächelnd zurück und begann mit ruhiger Stimme zu erzählen wie er es geschafft hatte, seine selbstgebaute Bombe in den unterirdischen Gängen der Moosburg zu platzieren. Er konnte noch nicht erfahren haben, dass sein Plan funktioniert hatte, aber das musste er auch nicht. Er wusste, dass nichts hatte schiefgehen können. Die Beamten blickten sich gegenseitig hilfesuchend an, doch ihre Zweifel an der Echtheit seiner Schilderungen sollten sich schon in wenigen Minuten zerstreuen.

Wesentlich später an diesem Abend saß seine Therapeutin selbst auf ihrer Couch, sie war nicht nach Hause gefahren, sondern durchsuchte die um sie herum verstreuten Aufzeichnungen, die sie sich während der Therapie gemacht hatte, nach Hinweisen, nach den fehlenden Versatzstücken in ihrem Bild von Herrn W. und seiner Tat, die keinen Sinn zu ergeben schien. Blinder Wahn war nie seine Sache gewesen, er war auch nie grundlos ausgerastet, sein Hass und seine Ablehnung hatten sich immer gegen etwas oder jemanden gerichtet, und wenn es die ganze Welt war, aber grundlos waren sie nie gewesen.

Dann fielen ihr die Notizen des ersten Gesprächs mit ihm wieder in die Hände, und plötzlich konnte sie den merkwürdigsten Patienten, den sie je hatte, verstehen. Sie wusste nun, wie die Idee sieben Jahre lang in ihm gereift war, es ihm immer mehr zum Bedürfnis geworden war, alle Menschen zu bestrafen, die in dieser Welt noch Freude empfinden konnten. Auf einmal wirkten seine Schilderungen nicht mehr wie sinn- und ziellose misanthropische Tiraden, die ohnehin nicht recht zu seinem restlichen Charakter passen wollten, sondern wie das, was sie waren: eine kühle Analyse des verletzenden Zynismus dessen sich all jene schuldig machten, die lächelnd oder gar lachend und vor allem nicht allein durch den Park gehen konnten, in dem seine Frau vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen worden war. Dieses Detail hatte sie komplett vergessen, doch es war die fehlende Variable in der Erklärung, wie sein Leben nur noch zu einer Buchhaltung des Grolls geworden war, wie sich jede Kränkung in ihm angereichert hatte. Es war nicht so, dass er eines Tages plötzlich nicht mehr gewusst hätte, wohin damit, er wusste die ganze Zeit, was am Ende der Gleichung stehen musste, wenn er nicht explodieren wollte: die Anderen.

(via d3ssins)

(Source: wordboner.com, via wrdbnr)

Für mehr Monate, die sich in 2 Bildern zusammenfassen lassen. Auch wenn man in diesen um geschätzte 2 Jahre altert.

Es ist wohl gut, es gibt auf jeden Fall Sicherheit, in dem Koordinatensystem zu bleiben, in dem man sich die letzten Jahre zu orientieren gelernt hat, aber um zu wissen wo man ist, muss man sich auch mal drehen, sich umschauen, den Blick heben und größere Schritte in andere Richtungen als bisher machen. Die Welt außerhalb dieser Fixpunkte erscheint manchmal wüst und leer und es fehlt was zum dran Festhalten, aber im Zweifel hat man dafür sich selbst, seine Sorgen und Ängste und Hoffnungen und Träume, und die eigenen Schlussstriche als Wegweiser und gleichzeitig als Versicherung, dass sich in irgendeiner Weise etwas verändert. Dass man sich bewegt, dass man heute woanders ist als gestern und dass sich schon allein dafür vieles gelohnt hat, selbst wenn nicht jeder Plan funktioniert hat und man nicht immer nur glücklich war. Und durch den Nebel zu stolpern wird weniger schlimm, je öfter man es tut, weil man weiß, dass es vorbeigeht. Oder dass man das nächste Mal zumindest weniger Angst hat und auch nicht ganz so hart auf die Nase fällt.

Manchmal hat man das Verlangen auf Repeat zu drücken, man vermisst Momente oder Personen oder Gefühle, aber das hier ist anders. Reife und Gelassenheit sind immer noch keine Wörter, die man selbstbewusst benutzen kann, aber man merkt doch, wie man wächst. Und dass man langsam mal groß genug ist, um nicht nur in Vergangenem zu schwelgen, sondern noch mehr zu wollen und sich auch zu trauen, danach zu greifen.

(Einstellung gegenüber der Welt gerade: Wenn nicht alles bis morgen gut werden kann, soll es einfach komplett zusammenbrechen. Wohl zu viel Thomas Mann gelesen und zu wenig geschlafen. Außerdem wieder mal eins dieser Bücher gekauft, für die man sich danach schämt. Es gibt keinen besseren Seismographen für psychisches Wohlbefinden bzw. dessen Abwesenheit als plötzlich einen schlechten Literaturgeschmack an sich festzustellen.)

Gerade über die eigene unerschütterliche Hoffnung gewundert, dass alles irgendwann gut wird. Überlegt, ob das Optimismus ist oder einfach nur ein Sonnenstich. Dann vom Pförtner im Gebäude eingeschlossen worden.
/ 
"Weißt du, es ist ja so: Wir wollen immer alle alles schaffen und können und tun und Ziele erreichen, bis wir uns mit dem auseinandersetzen müssen, was danach kommt. Oder selbst bestimmen müssen, was das eigentlich ist. Und wir sind alle so schlecht darin, das selber aufzubauen. Dabei ist das die Freiheit, die wir uns die ganze Zeit wünschen. Und dann kommen wir damit nicht klar, weil Freiheit eben auch bedeutet, mal auf die Fresse zu fallen. Scheiße, was unsere Eltern in unserem Alter schon für ein Leben hatten. Ich will nicht sagen, dass das irgendwie besser oder schlechter war, aber im Vergleich dazu fühle ich mich, als hätte ich eben gerade erst die Grundschule verlassen. Nur trauriger und mit mehr Angst."
/ 
Wieder doppelt so viele Stunden im Büro verbracht wie mir bezahlt werden. In zwei Wochen geht der zweite Job wieder los. Letztes Jahr um diese Zeit lag ich tagelang im Bett, weil ebendiese zwei Jobs und das Studium und das allgemeine Unglück der Welt einfach zu viel waren, um dafür aufstehen zu wollen oder zu können. Heute geht es mir nicht besser, aber ich denke nicht, dass ich Urlaub brauche. Mehr Schlaf auch nicht und freie Tage machen mir Angst, weil ich nicht weiß wohin mit mir. - Besser oder schlechter? Funktionaler.
Traue mich trotzdem immer noch nicht, die Fragebögen selbst auszufüllen, die meine Patienten dauernd bekommen.

Gerade über die eigene unerschütterliche Hoffnung gewundert, dass alles irgendwann gut wird. Überlegt, ob das Optimismus ist oder einfach nur ein Sonnenstich. Dann vom Pförtner im Gebäude eingeschlossen worden.

"Weißt du, es ist ja so: Wir wollen immer alle alles schaffen und können und tun und Ziele erreichen, bis wir uns mit dem auseinandersetzen müssen, was danach kommt. Oder selbst bestimmen müssen, was das eigentlich ist. Und wir sind alle so schlecht darin, das selber aufzubauen. Dabei ist das die Freiheit, die wir uns die ganze Zeit wünschen. Und dann kommen wir damit nicht klar, weil Freiheit eben auch bedeutet, mal auf die Fresse zu fallen. Scheiße, was unsere Eltern in unserem Alter schon für ein Leben hatten. Ich will nicht sagen, dass das irgendwie besser oder schlechter war, aber im Vergleich dazu fühle ich mich, als hätte ich eben gerade erst die Grundschule verlassen. Nur trauriger und mit mehr Angst."

Wieder doppelt so viele Stunden im Büro verbracht wie mir bezahlt werden. In zwei Wochen geht der zweite Job wieder los. Letztes Jahr um diese Zeit lag ich tagelang im Bett, weil ebendiese zwei Jobs und das Studium und das allgemeine Unglück der Welt einfach zu viel waren, um dafür aufstehen zu wollen oder zu können. Heute geht es mir nicht besser, aber ich denke nicht, dass ich Urlaub brauche. Mehr Schlaf auch nicht und freie Tage machen mir Angst, weil ich nicht weiß wohin mit mir. - Besser oder schlechter? Funktionaler.

Traue mich trotzdem immer noch nicht, die Fragebögen selbst auszufüllen, die meine Patienten dauernd bekommen.

Heute war ich in der Universitätsbibliothek. Gestern auch. Das ist insofern bemerkenswert, als dass es generell ein Zeichen großer Verzweiflung ist, besonders an einem Sonntag. Sonntags gibt’s da nämlich nicht mal Kaffee oder irgendwas Zuckriges zu kaufen, um sich über die wohl stundenlange Monotonie des Bildschirmanstarrens, während Hunderte das gleiche machen, hinwegzutrösten. Man muss sich alle anderen, die ebenfalls sonntags dorthin strömen, deshalb als unglückliche Menschen vorstellen.

Heute rammten sie auf der Baustelle vor der Bibliothek einen riesigen Metallstab in den Boden und zogen ihn wieder raus und rammten ihn wieder rein. Ich habe nicht so ganz verstanden worum es da ging und leider habe ich wohl in diesem Leben noch nicht genug Psychoanalyse abbekommen, um einen Artikel drüber zu schreiben. Irgendwas mit “Charakter”, anal, vaginal, ödipal, menstrual und dem Untertitel “Überlegungen”, “Eine Kritik” oder “kritische Überlegungen”. Dann wäre noch was mit Urbanisierung und Massenpsychologie gekommen und ich hätte wenigstens einmal am Tag das Gefühl gehabt, schlau zu sein. Ich glaube jedenfalls, dass ein solches Selbstverständnis mit derartigen Artikeln einhergeht, denn wären sie nicht wenigstens dem Selbstbild der Autoren dienlich, hätten sie überhaupt gar keine Daseinsberechtigung mehr.

Es war jedenfalls so laut, dass mein Sitznachbar (der Lektüre nach zu urteilen Mediziner) nicht in Ruhe schlafen konnte und den Saal nach ein paar Minuten grummelnd wieder verließ, während ich sehr angestrengt versuchte, äh… genau, eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als 3 Sekunden aufrechtzuerhalten.

Letztendlich war ich scheinbar nur da, um mal 1 Stunde lang aus einem anderen Fenster als dem gegenüber von meinem Bett zu starren. Okay, heute 2 Stunden und ich habe ein bisschen geschwitzt, da fühlt man sich gleich viel produktiver.

/

Lieblingsprof: “Die Universität ist ein Narrenschiff.”

/

Es wundert mich, dass ich am Tag der erfolgreich übermittelten Masterbewerbung nicht mit gänzlich ergrautem Haarschopf dastehe. Supergut für den Kreislauf, wenn 2 Tage nach Ende der Bewerbungsfrist erst die Eingangsbestätigung kommt. WASZUMHENKERSOLLDASDENN.

Mein Leben in einem pdf, was nicht in diesen Lücken steht, was ich nicht zu einer Zahl machen konnte, ist nichts wert. Scheißgefühl. Und dabei noch diese Arroganz, die höhnische Gewissheit, eigentlich besser zu sein als viele, deren Leben in den geforderten Maßstäben halt mehr abgeworfen hat als meins. Ich frage mich, woher ich die nehme. Dann fällt mir wieder ein, dass ich diese Leute ja jeden Tag sehe und mich jetzt schon freue, in 2 Jahren mal so ein doofes Reunion-Treffen (als sei man je sowas wie united gewesen) abzusagen. Dieser Alltag macht uns zu kleinen, schlaffen Säckchen voller Gehässigkeit, oder nur mich, wobei ich mich aber immer noch fragen kann, wer daran schuld ist. Der alte Psychologe fragt mit schneidender Stimme: War’s die falsche Erziehung oder waren schon die Gene zu nix zu gebrauchen? 

/

Ansonsten die schrecklichste Arbeit der Welt um 3 Seiten gekürzt und 2 neue geschrieben, wahrscheinlich genauso scheiße wie die vorher. Aber Sisyphos wurde mit der Zeit ja auch nicht besser, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.

/

5 Jahre später interessiert es auch keinen mehr, dass ich immer die Schlauere von uns beiden war. 

/

Dennoch: Alles wird gut. Und falls nicht, kann man ja immer noch anfangen an Gott zu glauben.

Tutorial: Modeblogs

Servicezeit! Im Folgenden die wichtigsten Modebloggerphrasen, um schnell die immergleichen Posts zu erstellen, die wir alle so gerne lesen. Und die auch ein bisschen neidisch machen bzw. neidisch machen sollen, geben wir es doch zu.

1. Stets Exklusivität suggerieren:

Hinz und Kunz luden mich und einige wenige Blogger zum Event/zur Gala/in den Showroom/zur Stehparty in die Buxtehuder Filiale… ein. Natürlich ließ ich für diesen exklusiven Anlass alles stehen und liegen, was ich sonst so tue (einkaufen, mich fotografieren, zusammen mit anderen einkaufen, diese fotografieren, Frozen Yoghurt essen).

Achso, und einen konkreten Anlass simulieren bzw. dann umschreiben, dass es sich irgendwie gelohnt hat oder tatsächlich Gründe gab, oder sowas in der Art.

Wir waren dort, um etwas auszuprobieren/anzuschauen/zu fotografieren, das es noch nicht gibt/voll teuer ist/keine Sau interessiert, aber das ist mir an dieser Stelle mal egal/es war jedenfalls voll aufregend/inspirierend/exklusiv.

Es gab Häppchen/Sekt/Werbegeschenke/gratis Fotos von uns, wie nett von denen!/eine gratis Präsentation ihres Produkts, wie lieb und bedacht!/Drinks mit Schirmchen, total toll!/in der Oberliga: Koks und gratis Handtaschen/Schuhe (gerne so über 3 Sätze ausgeführt, dass man den spitzen Quietscher der Freude wie einen Tinnitus im Ohr hat).

Der wichtigste Teil der Einleitung ist die Betonung der Außergewöhnlichkeit des dir Gebotenen. Obwohl selbiges auf mindestens 10 anderen Blogs parallel dargestellt wird, wird hier mit der Ernsthaftigkeit eines Kommissars berichtet, der als allererster am Unfallort eintrifft. Hier bietet sich an, möglichst sperrige Eigennamen irgendwelcher Produkte oder Kampagnen einzubinden, die den Lesern entweder schon jetzt voll auf den Keks gehen oder das in spätestens 2 Wochen tun werden. Besondere Profis denken daran, diese Worthülsen immer in Versalien und/oder fett zu schreiben. Jedes Mal die entsprechende Produktseite auf Facebook oder der Homepage des Herstellers zu verlinken ist natürlich die Kür der Schmerzfreiheit.

Bonuspunkte, wenn irgendein B-Promi auch da war und ihr euch deshalb jetzt wie ein D-Promi vorkommt (aufregend!).

2. Niemals:

Sonst bekam ich zwar nix und die kriegen diesen Post hier für lau

sagen oder dass die einigen wenigen Blogger in echt 150 waren. Ups. Stattdessen lieber 1000 Instagramfotos einbinden (Sekt! Nagellack! Produkte! Selbstporträts! Armbänder!) und genauso oft den Firmennamen droppen. So ganz nonchalant nebenbei, aber schon so, dass er präsent ist. Caps Lock schadet nicht, wie eigentlich immer.

3. Zum Abschluss bedenken:

Alles war immer voll interessant/spannend/macht Lust auf die Kollektion 2020/die Produkte sind leider zu teuer, aber danke, dass ich da mal vor die Vitrine sabbern durfte. Und voll schön, all die anderen Mädels mal wiederzusehen. <3 (an dieser Stelle verlinken, bis die Finger abfaulen.)

Abschließend noch versuchen, die Leser zu involvieren.

Esst ihr auch so gerne Häppchen? Findet ihr Marke xy auch so aufregend?

Tusch, fertig. Herzlichen Glückwunsch. Du wirst bestimmt auch das nächste Mal wieder gerne eingeladen, bist du doch so ein zuverlässiger Werbegenerator.

02.07.12

Warten auf den Tag, vor dem man seit Monaten Angst hat. Und dann verstreicht er, einfach so.

03.07.12

Stress sieht man mir immer an. Nicht am müden Blick, nicht an einer spurenweise vorhandenen eleganten Dahingerafftheit wie man sie an anderen manchmal sieht, die immer schöner sind als man selbst, auch nicht an den Augenringen, die sind immer da, sondern an der Haut. Ein Schlachtfeld. Das Abdecken morgens fühlt sich immer an wie verkleiden, so wie damals mit 14, als ich mir jeden verdammten Morgen voller Inbrunst mein verdammtes gelocktes Haar glättete, nur damit es 10 Minuten später wieder in seinen Ursprungszustand (Schafswolle) zurücksprang. Und doch traue ich mich anders nicht raus. Nicht, dass ich Lust dazu hätte. Ich zähle, noch 21 Stunden von hier.

04.07.12

Heute war der Tag, an dem mein Arbeitsvertrag verlängert wurde. Heute war auch der Tag, an dem ich in der Küche stand und überlegte, statt abzuspülen einfach neues Geschirr zu kaufen.

05.07.12

Gedacht: Wenn alle Werbung hassen, warum machen dann alle Werbung?

06.07.12

Kennt wohl jeder, dass man sich beim Klopapierkauf ein bisschen merkwürdig beäugt vorkommt, jaja. Aber versucht doch zur Abwechslung mal, möglichst nonchalant eine neue Klobürste zu kaufen und nach Hause zu befördern. Geht nicht.

In der U-Bahn fragt mich dann ein alter, verwirrter Mann, ob er mal meine Haare anfassen dürfe. Aber sehr höflich.

07.07.12

Lustig, wie in der Vergangenheit wichtige Daten oder Ereignisse immer an die Zahl gekoppelt sind, die zu der Zeit gerade auf der Waage stand.

Bevor ich nach England fuhr, 55,0. Als ich wieder hier war, 51,7. Als ich mit J. nach Kassel fuhr, 50,6. Als Mama sagte, ich würde immer dünner, 53,2. Ich lachte sie aus. Als ich das erste Mal bei S. zu Besuch war, seine Oma hatte Geburtstag, ich fand mich plötzlich inmitten der Feier einer fremden Familie wieder und mein Magen drehte sich gefühlt um 180°, im Bad dann 47,2. Immerhin. Der Sommer auf Sylt, als der ganze Mist gerade anfing, 51,1. Wenige Monate später 45,4. Das Alter dazu weiß ich nicht mehr. Als T. erzählte, wie sie monatelang fast nur Müsli gegessen hatte und jeden Morgen 7 km joggte und ich dachte, wie wahnsinnig man dafür doch sein müsse, 44,7. Als wir damals Biologie-Unterricht bei Herrn M. hatten und wir ausrechneten, wie viel Prozent unseres damaligen Körpergewichts unsere Schulranzen entsprachen, 41,5. Als ich an meinem 18. Geburtstag stolz war, den ganzen Tag nichts gegessen zu haben, 53,6. Abitur, 64,2. Statistik I, 67,1.

Undsoweiter.

Und dass man sich selbst mit 41 genauso viel zu viel war wie mit 67 Kilogramm, zu dieser Erkenntnis war man irgendwie nicht fähig. Nur zu dem schnellen Gedanken, dass man mit dem höheren Gewicht auch nicht gesünder war. Das Gewicht ging rauf und runter, der Selbsthass auch, aber völlig davon entkoppelt. Und trotzdem sitzt man nachher da, hat so etwas wie einen Abschluss und damit scheinbar die offizielle Bestätigung, zu mittelschweren Denkleistungen in der Lage zu sein und hält es immer noch nicht für bescheuert zu denken, dass man nur noch x Kilogramm davon entfernt ist, ein glücklicher(er) oder zufriedener(er) Mensch zu sein.

Die Tagebücher sind voll damit, kleine, schwarze, gebundene Hefte, sie passen alle in eine meiner Hände. Heute warf ich sie weg.

Psychotherapie mit Zahnarztbesuchen vergleichen, wtf?

Unterfütterung und Hintergrund dieser 3 Tweets, wen diese nicht interessieren, der muss hier nicht weiterlesen.

Ich las einen Blogpost, in dem vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sich die entsprechende Person bewegt, anstrengendes persönliches Engagement und Anfeindungen als Ursache bzw. Auslöser diverser psychischer Probleme dargestellt wurden, mit denen ebendiese Person zu kämpfen hat und die ganz klar die persönlichen Freiheiten und die Lebensqualität einschränken. Er findet sich hier. Die Schilderung dieser persönlichen Erlebnisse ging mir nahe und ich möchte Nadine Lantzsch dafür danken, dass sie diese geteilt hat. Meine Kritik gilt nicht ihr als Person, sondern einer Aussage im Text.

Schlussfolgerung der Darlegung der aktuellen Probleme (Ängste, Panikattacken) war jedenfalls folgendes Fazit:

Auf Therapie und den ganzen damit verbundenen Mist habe ich keine Lust. Ich habe lange genug geredet und geredet. Ich kann nicht mehr verarbeiten durch Reden. Ich kann nicht abschalten durch Reden.

Und so sehr ich das nachvollziehen kann, war mir wichtig, dem etwas entgegenzusetzen. Mir ist bewusst, dass meine Meinung nicht der in Nadine Lantzschs Text vertretenen entspricht, aber schon allein um ihre Aussage, die so beispielsweise über Twitter und Quote.fm verbreitet wurde (so dass ich sie überhaupt erst wahrnahm), nicht kritiklos stehen zu lassen, wollte ich etwas ergänzen. Es geht mir dabei nicht darum, ihre Probleme zu trivialisieren oder irgendein “Patentrezept” aus dem Ärmel zu ziehen bzw. die Behauptung aufzustellen, es gebe ein solches. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Art zu denken, die hinter diesen Zeilen steckt, eine gefährliche ist.

Einerseits ist es ein wichtiges menschliches Bedürfnis, selbstbestimmt und frei zu leben. Dazu passt scheinbar nicht, sich in Behandlung zu begeben oder zuzugeben, dass man sich nicht immer selbst aus dem Dreck ziehen kann. Dazu kommt dann noch die natürliche Hemmschwelle dadurch, dass psychischem Leid in unserer Gesellschaft ein Stigma anhaftet und eventuell noch die Ambivalenz als eigenes Symptom einer Depression o.ä.. Es ist schwer, sich Hilfe zu suchen. Nun ist es aber so, dass man sich nicht einfach mal zusammenreißen kann und plötzlich alles gut wird. Viele sind aber der Meinung, gerade dies tun zu müssen, um Stärke zu zeigen. Ich kann das alles nachvollziehen und doch bin ich der Meinung, dass man, steht man vor so tiefgreifenden Problemen, die so viel Leid mit sich bringen, in der Lage sein sollte sich selbst zu überwinden. Nennen wir es Selbstfürsorge, Vernunft, Mut - was auch immer. Es ist jedenfalls kein Armutszeugnis, mit diesen Problemen nicht allein sein zu wollen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Im Gegenteil.

Und an dieser Stelle kommt dann auch der etwas unbeholfene Zahnarztvergleich. Dessen Ziel war es nicht, psychische Probleme mit Löchern in Zähnen gleichzusetzen, das vorweg. ABER: Hat jemand ein klar benennbares körperliches Leiden (hier: Zahnschmerzen), so wird sein Umfeld es begrüßen und unterstützen, dass er sich Hilfe sucht (hier: Zahnarzt) und ebenfalls klar und deutlich davon abraten darauf zu hoffen, dass das von allein wieder alles ok wird. Geht es um Ängste, um Traurigkeit, um andere negative Gefühle, Gedanken oder problematische Verhaltensweisen sollte man sich ebenfalls Hilfe suchen. Und eben nicht stolz darauf sein, keine zu brauchen. Das sollte nicht implizieren, dass diese immer erfolgreich ist. Ist sie leider nicht. Dennoch gibt es viele Therapien, die eben nicht nur Reden beinhalten, sondern in denen tatsächlich aktiv gearbeitet wird, der Patient als handelndes, reflektierendes und fähiges Individuum gesehen wird, und von einem Therapieversuch abzusehen, nur weil im eigenen Kopf vielleicht das Klischee des stummen Analytikers und des ewig redenden und weinenden Patienten präsent ist, der immer nur ablädt, aber keine Fortschritte macht - das wäre fahrlässig sich selbst gegenüber.

Das war der Punkt, um den es mir ging. Klar kann man jetzt weiter auf dem Vergleich herumhacken. Aber ich finde, wir sollten lieber darüber reden, wie wir leben wollen, was uns wichtig ist und ob man nicht manchmal über seinen eigenen Schatten springen sollte. Therapie wird wenig an den Ausgangsbedingungen ändern können, aber an der Art, wie man selbst denkt, bewertet, mit seiner Welt und seinen Ressourcen umgeht. Und einen Versuch ist es wert, weil es die Chance erhöht, dass das eigene Leben besser wird.

Anmerkungen zu den Kommentaren, die ich bis hierhin erhielt:

1. “Jetzt kommts: Manche Menschen gehen auch (aus Ansgt)[sic!] bei Karies nicht zum Zahnarzt, bei Tinitus nicht zum HNO. usw.” Ich versuchte auszusagen, dass ich das genauso schlecht finde wie mit unbehandelten psychischen Problemen keine Hilfe zu suchen.

2. Daraufhin, dass Trivialisierung nicht meine Absicht gewesen sei wurde mir geantwortet, meine “Motivation sei [ihr] egal”: Ich fand es dennoch angebracht das auszuführen, denn ich wollte niemanden beleidigen und diese Wahrnehmung zumindest korrigieren. Mir ist klar, dass beim Empfänger nicht immer das vom Sender Intendierte ankommt und für eventuelle Verletzungen möchte ich um Entschuldigung bitten.

3. “Sag mal gehts noch”: Empörung in allen Ehren, wir können uns auch gerne über alles streiten, aber bitte über konkrete Aspekte oder Aussagen, über die ich dann gerne noch mal nachdenke, falls das zu kurz kam.

4. “wer keine therapie machen möchte, will nicht automatisch keine verbesserung.” Ich hoffe, oben ist deutlich geworden, dass ich dies niemandem unterstellt habe. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Person sich damit einer Verbesserung in den Weg stellt.

5. “Menschen in Therapie schicken wollen, die dafür warum auch immer gerade nicht bereit sind, zeugt übrigens von absolutem Checktertum[sic!]. Not.” Ich will niemanden gegen seinen Willen in Therapie schicken und mir ist klar, dass eine Therapie auch nichts werden kann, wenn der Patient nicht motiviert ist. Ich fand nur die Ablehnung einer Therapie aus dem zitierten Grund ziemlich kurzsichtig.

vorherige seite            nächste seite