Heute war ich in der Universitätsbibliothek. Gestern auch. Das ist insofern bemerkenswert, als dass es generell ein Zeichen großer Verzweiflung ist, besonders an einem Sonntag. Sonntags gibt’s da nämlich nicht mal Kaffee oder irgendwas Zuckriges zu kaufen, um sich über die wohl stundenlange Monotonie des Bildschirmanstarrens, während Hunderte das gleiche machen, hinwegzutrösten. Man muss sich alle anderen, die ebenfalls sonntags dorthin strömen, deshalb als unglückliche Menschen vorstellen.
Heute rammten sie auf der Baustelle vor der Bibliothek einen riesigen Metallstab in den Boden und zogen ihn wieder raus und rammten ihn wieder rein. Ich habe nicht so ganz verstanden worum es da ging und leider habe ich wohl in diesem Leben noch nicht genug Psychoanalyse abbekommen, um einen Artikel drüber zu schreiben. Irgendwas mit “Charakter”, anal, vaginal, ödipal, menstrual und dem Untertitel “Überlegungen”, “Eine Kritik” oder “kritische Überlegungen”. Dann wäre noch was mit Urbanisierung und Massenpsychologie gekommen und ich hätte wenigstens einmal am Tag das Gefühl gehabt, schlau zu sein. Ich glaube jedenfalls, dass ein solches Selbstverständnis mit derartigen Artikeln einhergeht, denn wären sie nicht wenigstens dem Selbstbild der Autoren dienlich, hätten sie überhaupt gar keine Daseinsberechtigung mehr.
Es war jedenfalls so laut, dass mein Sitznachbar (der Lektüre nach zu urteilen Mediziner) nicht in Ruhe schlafen konnte und den Saal nach ein paar Minuten grummelnd wieder verließ, während ich sehr angestrengt versuchte, äh… genau, eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als 3 Sekunden aufrechtzuerhalten.
Letztendlich war ich scheinbar nur da, um mal 1 Stunde lang aus einem anderen Fenster als dem gegenüber von meinem Bett zu starren. Okay, heute 2 Stunden und ich habe ein bisschen geschwitzt, da fühlt man sich gleich viel produktiver.
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Lieblingsprof: “Die Universität ist ein Narrenschiff.”
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Es wundert mich, dass ich am Tag der erfolgreich übermittelten Masterbewerbung nicht mit gänzlich ergrautem Haarschopf dastehe. Supergut für den Kreislauf, wenn 2 Tage nach Ende der Bewerbungsfrist erst die Eingangsbestätigung kommt. WASZUMHENKERSOLLDASDENN.
Mein Leben in einem pdf, was nicht in diesen Lücken steht, was ich nicht zu einer Zahl machen konnte, ist nichts wert. Scheißgefühl. Und dabei noch diese Arroganz, die höhnische Gewissheit, eigentlich besser zu sein als viele, deren Leben in den geforderten Maßstäben halt mehr abgeworfen hat als meins. Ich frage mich, woher ich die nehme. Dann fällt mir wieder ein, dass ich diese Leute ja jeden Tag sehe und mich jetzt schon freue, in 2 Jahren mal so ein doofes Reunion-Treffen (als sei man je sowas wie united gewesen) abzusagen. Dieser Alltag macht uns zu kleinen, schlaffen Säckchen voller Gehässigkeit, oder nur mich, wobei ich mich aber immer noch fragen kann, wer daran schuld ist. Der alte Psychologe fragt mit schneidender Stimme: War’s die falsche Erziehung oder waren schon die Gene zu nix zu gebrauchen?
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Ansonsten die schrecklichste Arbeit der Welt um 3 Seiten gekürzt und 2 neue geschrieben, wahrscheinlich genauso scheiße wie die vorher. Aber Sisyphos wurde mit der Zeit ja auch nicht besser, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.
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5 Jahre später interessiert es auch keinen mehr, dass ich immer die Schlauere von uns beiden war.
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Dennoch: Alles wird gut. Und falls nicht, kann man ja immer noch anfangen an Gott zu glauben.

Servicezeit! Im Folgenden die wichtigsten Modebloggerphrasen, um schnell die immergleichen Posts zu erstellen, die wir alle so gerne lesen. Und die auch ein bisschen neidisch machen bzw. neidisch machen sollen, geben wir es doch zu.
1. Stets Exklusivität suggerieren:
Hinz und Kunz luden mich und einige wenige Blogger zum Event/zur Gala/in den Showroom/zur Stehparty in die Buxtehuder Filiale… ein. Natürlich ließ ich für diesen exklusiven Anlass alles stehen und liegen, was ich sonst so tue (einkaufen, mich fotografieren, zusammen mit anderen einkaufen, diese fotografieren, Frozen Yoghurt essen).
Achso, und einen konkreten Anlass simulieren bzw. dann umschreiben, dass es sich irgendwie gelohnt hat oder tatsächlich Gründe gab, oder sowas in der Art.
Wir waren dort, um etwas auszuprobieren/anzuschauen/zu fotografieren, das es noch nicht gibt/voll teuer ist/keine Sau interessiert, aber das ist mir an dieser Stelle mal egal/es war jedenfalls voll aufregend/inspirierend/exklusiv.
Es gab Häppchen/Sekt/Werbegeschenke/gratis Fotos von uns, wie nett von denen!/eine gratis Präsentation ihres Produkts, wie lieb und bedacht!/Drinks mit Schirmchen, total toll!/in der Oberliga: Koks und gratis Handtaschen/Schuhe (gerne so über 3 Sätze ausgeführt, dass man den spitzen Quietscher der Freude wie einen Tinnitus im Ohr hat).
Der wichtigste Teil der Einleitung ist die Betonung der Außergewöhnlichkeit des dir Gebotenen. Obwohl selbiges auf mindestens 10 anderen Blogs parallel dargestellt wird, wird hier mit der Ernsthaftigkeit eines Kommissars berichtet, der als allererster am Unfallort eintrifft. Hier bietet sich an, möglichst sperrige Eigennamen irgendwelcher Produkte oder Kampagnen einzubinden, die den Lesern entweder schon jetzt voll auf den Keks gehen oder das in spätestens 2 Wochen tun werden. Besondere Profis denken daran, diese Worthülsen immer in Versalien und/oder fett zu schreiben. Jedes Mal die entsprechende Produktseite auf Facebook oder der Homepage des Herstellers zu verlinken ist natürlich die Kür der Schmerzfreiheit.
Bonuspunkte, wenn irgendein B-Promi auch da war und ihr euch deshalb jetzt wie ein D-Promi vorkommt (aufregend!).
2. Niemals:
Sonst bekam ich zwar nix und die kriegen diesen Post hier für lau
sagen oder dass die einigen wenigen Blogger in echt 150 waren. Ups. Stattdessen lieber 1000 Instagramfotos einbinden (Sekt! Nagellack! Produkte! Selbstporträts! Armbänder!) und genauso oft den Firmennamen droppen. So ganz nonchalant nebenbei, aber schon so, dass er präsent ist. Caps Lock schadet nicht, wie eigentlich immer.
3. Zum Abschluss bedenken:
Alles war immer voll interessant/spannend/macht Lust auf die Kollektion 2020/die Produkte sind leider zu teuer, aber danke, dass ich da mal vor die Vitrine sabbern durfte. Und voll schön, all die anderen Mädels mal wiederzusehen. <3 (an dieser Stelle verlinken, bis die Finger abfaulen.)
Abschließend noch versuchen, die Leser zu involvieren.
Esst ihr auch so gerne Häppchen? Findet ihr Marke xy auch so aufregend?
Tusch, fertig. Herzlichen Glückwunsch. Du wirst bestimmt auch das nächste Mal wieder gerne eingeladen, bist du doch so ein zuverlässiger Werbegenerator.
02.07.12
Warten auf den Tag, vor dem man seit Monaten Angst hat. Und dann verstreicht er, einfach so.
03.07.12
Stress sieht man mir immer an. Nicht am müden Blick, nicht an einer spurenweise vorhandenen eleganten Dahingerafftheit wie man sie an anderen manchmal sieht, die immer schöner sind als man selbst, auch nicht an den Augenringen, die sind immer da, sondern an der Haut. Ein Schlachtfeld. Das Abdecken morgens fühlt sich immer an wie verkleiden, so wie damals mit 14, als ich mir jeden verdammten Morgen voller Inbrunst mein verdammtes gelocktes Haar glättete, nur damit es 10 Minuten später wieder in seinen Ursprungszustand (Schafswolle) zurücksprang. Und doch traue ich mich anders nicht raus. Nicht, dass ich Lust dazu hätte. Ich zähle, noch 21 Stunden von hier.
04.07.12
Heute war der Tag, an dem mein Arbeitsvertrag verlängert wurde. Heute war auch der Tag, an dem ich in der Küche stand und überlegte, statt abzuspülen einfach neues Geschirr zu kaufen.
05.07.12
Gedacht: Wenn alle Werbung hassen, warum machen dann alle Werbung?
06.07.12
Kennt wohl jeder, dass man sich beim Klopapierkauf ein bisschen merkwürdig beäugt vorkommt, jaja. Aber versucht doch zur Abwechslung mal, möglichst nonchalant eine neue Klobürste zu kaufen und nach Hause zu befördern. Geht nicht.
In der U-Bahn fragt mich dann ein alter, verwirrter Mann, ob er mal meine Haare anfassen dürfe. Aber sehr höflich.
07.07.12
Lustig, wie in der Vergangenheit wichtige Daten oder Ereignisse immer an die Zahl gekoppelt sind, die zu der Zeit gerade auf der Waage stand.
Bevor ich nach England fuhr, 55,0. Als ich wieder hier war, 51,7. Als ich mit J. nach Kassel fuhr, 50,6. Als Mama sagte, ich würde immer dünner, 53,2. Ich lachte sie aus. Als ich das erste Mal bei S. zu Besuch war, seine Oma hatte Geburtstag, ich fand mich plötzlich inmitten der Feier einer fremden Familie wieder und mein Magen drehte sich gefühlt um 180°, im Bad dann 47,2. Immerhin. Der Sommer auf Sylt, als der ganze Mist gerade anfing, 51,1. Wenige Monate später 45,4. Das Alter dazu weiß ich nicht mehr. Als T. erzählte, wie sie monatelang fast nur Müsli gegessen hatte und jeden Morgen 7 km joggte und ich dachte, wie wahnsinnig man dafür doch sein müsse, 44,7. Als wir damals Biologie-Unterricht bei Herrn M. hatten und wir ausrechneten, wie viel Prozent unseres damaligen Körpergewichts unsere Schulranzen entsprachen, 41,5. Als ich an meinem 18. Geburtstag stolz war, den ganzen Tag nichts gegessen zu haben, 53,6. Abitur, 64,2. Statistik I, 67,1.
Undsoweiter.
Und dass man sich selbst mit 41 genauso viel zu viel war wie mit 67 Kilogramm, zu dieser Erkenntnis war man irgendwie nicht fähig. Nur zu dem schnellen Gedanken, dass man mit dem höheren Gewicht auch nicht gesünder war. Das Gewicht ging rauf und runter, der Selbsthass auch, aber völlig davon entkoppelt. Und trotzdem sitzt man nachher da, hat so etwas wie einen Abschluss und damit scheinbar die offizielle Bestätigung, zu mittelschweren Denkleistungen in der Lage zu sein und hält es immer noch nicht für bescheuert zu denken, dass man nur noch x Kilogramm davon entfernt ist, ein glücklicher(er) oder zufriedener(er) Mensch zu sein.
Die Tagebücher sind voll damit, kleine, schwarze, gebundene Hefte, sie passen alle in eine meiner Hände. Heute warf ich sie weg.
Unterfütterung und Hintergrund dieser 3 Tweets, wen diese nicht interessieren, der muss hier nicht weiterlesen.

Ich las einen Blogpost, in dem vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sich die entsprechende Person bewegt, anstrengendes persönliches Engagement und Anfeindungen als Ursache bzw. Auslöser diverser psychischer Probleme dargestellt wurden, mit denen ebendiese Person zu kämpfen hat und die ganz klar die persönlichen Freiheiten und die Lebensqualität einschränken. Er findet sich hier. Die Schilderung dieser persönlichen Erlebnisse ging mir nahe und ich möchte Nadine Lantzsch dafür danken, dass sie diese geteilt hat. Meine Kritik gilt nicht ihr als Person, sondern einer Aussage im Text.
Schlussfolgerung der Darlegung der aktuellen Probleme (Ängste, Panikattacken) war jedenfalls folgendes Fazit:
Auf Therapie und den ganzen damit verbundenen Mist habe ich keine Lust. Ich habe lange genug geredet und geredet. Ich kann nicht mehr verarbeiten durch Reden. Ich kann nicht abschalten durch Reden.
Und so sehr ich das nachvollziehen kann, war mir wichtig, dem etwas entgegenzusetzen. Mir ist bewusst, dass meine Meinung nicht der in Nadine Lantzschs Text vertretenen entspricht, aber schon allein um ihre Aussage, die so beispielsweise über Twitter und Quote.fm verbreitet wurde (so dass ich sie überhaupt erst wahrnahm), nicht kritiklos stehen zu lassen, wollte ich etwas ergänzen. Es geht mir dabei nicht darum, ihre Probleme zu trivialisieren oder irgendein “Patentrezept” aus dem Ärmel zu ziehen bzw. die Behauptung aufzustellen, es gebe ein solches. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Art zu denken, die hinter diesen Zeilen steckt, eine gefährliche ist.
Einerseits ist es ein wichtiges menschliches Bedürfnis, selbstbestimmt und frei zu leben. Dazu passt scheinbar nicht, sich in Behandlung zu begeben oder zuzugeben, dass man sich nicht immer selbst aus dem Dreck ziehen kann. Dazu kommt dann noch die natürliche Hemmschwelle dadurch, dass psychischem Leid in unserer Gesellschaft ein Stigma anhaftet und eventuell noch die Ambivalenz als eigenes Symptom einer Depression o.ä.. Es ist schwer, sich Hilfe zu suchen. Nun ist es aber so, dass man sich nicht einfach mal zusammenreißen kann und plötzlich alles gut wird. Viele sind aber der Meinung, gerade dies tun zu müssen, um Stärke zu zeigen. Ich kann das alles nachvollziehen und doch bin ich der Meinung, dass man, steht man vor so tiefgreifenden Problemen, die so viel Leid mit sich bringen, in der Lage sein sollte sich selbst zu überwinden. Nennen wir es Selbstfürsorge, Vernunft, Mut - was auch immer. Es ist jedenfalls kein Armutszeugnis, mit diesen Problemen nicht allein sein zu wollen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Im Gegenteil.
Und an dieser Stelle kommt dann auch der etwas unbeholfene Zahnarztvergleich. Dessen Ziel war es nicht, psychische Probleme mit Löchern in Zähnen gleichzusetzen, das vorweg. ABER: Hat jemand ein klar benennbares körperliches Leiden (hier: Zahnschmerzen), so wird sein Umfeld es begrüßen und unterstützen, dass er sich Hilfe sucht (hier: Zahnarzt) und ebenfalls klar und deutlich davon abraten darauf zu hoffen, dass das von allein wieder alles ok wird. Geht es um Ängste, um Traurigkeit, um andere negative Gefühle, Gedanken oder problematische Verhaltensweisen sollte man sich ebenfalls Hilfe suchen. Und eben nicht stolz darauf sein, keine zu brauchen. Das sollte nicht implizieren, dass diese immer erfolgreich ist. Ist sie leider nicht. Dennoch gibt es viele Therapien, die eben nicht nur Reden beinhalten, sondern in denen tatsächlich aktiv gearbeitet wird, der Patient als handelndes, reflektierendes und fähiges Individuum gesehen wird, und von einem Therapieversuch abzusehen, nur weil im eigenen Kopf vielleicht das Klischee des stummen Analytikers und des ewig redenden und weinenden Patienten präsent ist, der immer nur ablädt, aber keine Fortschritte macht - das wäre fahrlässig sich selbst gegenüber.
Das war der Punkt, um den es mir ging. Klar kann man jetzt weiter auf dem Vergleich herumhacken. Aber ich finde, wir sollten lieber darüber reden, wie wir leben wollen, was uns wichtig ist und ob man nicht manchmal über seinen eigenen Schatten springen sollte. Therapie wird wenig an den Ausgangsbedingungen ändern können, aber an der Art, wie man selbst denkt, bewertet, mit seiner Welt und seinen Ressourcen umgeht. Und einen Versuch ist es wert, weil es die Chance erhöht, dass das eigene Leben besser wird.
Anmerkungen zu den Kommentaren, die ich bis hierhin erhielt:
1. “Jetzt kommts: Manche Menschen gehen auch (aus Ansgt)[sic!] bei Karies nicht zum Zahnarzt, bei Tinitus nicht zum HNO. usw.” Ich versuchte auszusagen, dass ich das genauso schlecht finde wie mit unbehandelten psychischen Problemen keine Hilfe zu suchen.
2. Daraufhin, dass Trivialisierung nicht meine Absicht gewesen sei wurde mir geantwortet, meine “Motivation sei [ihr] egal”: Ich fand es dennoch angebracht das auszuführen, denn ich wollte niemanden beleidigen und diese Wahrnehmung zumindest korrigieren. Mir ist klar, dass beim Empfänger nicht immer das vom Sender Intendierte ankommt und für eventuelle Verletzungen möchte ich um Entschuldigung bitten.
3. “Sag mal gehts noch”: Empörung in allen Ehren, wir können uns auch gerne über alles streiten, aber bitte über konkrete Aspekte oder Aussagen, über die ich dann gerne noch mal nachdenke, falls das zu kurz kam.
4. “wer keine therapie machen möchte, will nicht automatisch keine verbesserung.” Ich hoffe, oben ist deutlich geworden, dass ich dies niemandem unterstellt habe. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Person sich damit einer Verbesserung in den Weg stellt.
5. “Menschen in Therapie schicken wollen, die dafür warum auch immer gerade nicht bereit sind, zeugt übrigens von absolutem Checktertum[sic!]. Not.” Ich will niemanden gegen seinen Willen in Therapie schicken und mir ist klar, dass eine Therapie auch nichts werden kann, wenn der Patient nicht motiviert ist. Ich fand nur die Ablehnung einer Therapie aus dem zitierten Grund ziemlich kurzsichtig.
Zum Geburtstag rosa Tiramisu, Falafel, viel Sonne, viel Regen, ein selbstgebastelter Papphamster, Matsch und Musik. Eine Wohnung ausgeräumt, eine andere ein, dabei diverse Küchengeräte und einen Schuh verloren. Natürlich nur einen. Kanye und Jay-Z gesehen und Casper und Marteria und Jupiter Jones und auf dem Hurricane zum ersten Mal bei Garbage gewesen und vor Freude fast in Ohnmacht gefallen. Zur Tetris-Melodie im Moshpit, Supershirt, K.I.Z., Bratze, Rise against, Kettcar, Bosse, Eagles of Death Metal, Lagwagon, Zebrahead, Less than Jake, Die Ärzte, Blink-182, The Cure, die Bässe von Fritz Kalkbrenner. Und Olli Schulz, wenn auch nur herumstehend. Ich hatte danach zwar etwa eine Woche lang das Gefühl, meine Lunge wolle den Körper verlassen, hat sich aber alles gelohnt.
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An einem meiner ersten Abende hier, es war wieder schwül und mein Shirt klebte zwischen meinen Schulterblättern fest, da standen wir in der Mitte der Straße an der Kreuzung und ich zeigte ihm, wo ich jetzt wohne. “Da”, sagte ich, “dort wo an der Tür dieser kleine Kasten leuchtet, hinter den Bäumen und den Autos, wo der Mann gerade der Frau die Tür öffnet.” Ich weiß nicht mehr, ob er oder ich daraufhin unsicher lächelte, jedenfalls sagte er dann, er wohne direkt gegenüber. 400 Kilometer von den Eltern, der alten Schule, der nordhessischen Kleinstadt weg, damit man sich in Frankfurt von Balkon zu Balkon winken kann. Wie oft passiert so etwas?
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“Ich hätte auch so gerne einen Strebergarten.”
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Irgendwann abends ist mir so langweilig, dass ich mich selbst beim Haarefönen im Spiegel beobachtet habe. Ich beschließe, zum ersten Mal von der Wohnung zum Main zu laufen. Ich habe noch nicht nachgeschaut, wie weit er entfernt ist, ich kenne bis jetzt nur die Autobahn hinter den Bäumen und die Spitze des Messeturms zwischen den Wipfeln, die ich von meinem Balkon aus sehen kann. Dort fing vor kurzem das großen Gewitter an und ich stand am Fenster und sah die ganze Stadt wie im Licht eines Stroboskops, das verwaschene Grau des Himmels vermischte sich mit einem gelblichen Orange, während der Regen gegen die Scheibe schlug, die alle paar Sekunden vom Donner zum Beben gebracht wurden.
Nach 37 Sekunden stehe ich am Wasser, während an mir türkische Männer, Typ Familienvater mit Schnurrbart, auf Fahrrädern und Omis mit grauweißen Wattehaaren mit ihren kleinen, zotteligen Hunden vorbeiziehen. Ich gehe unter der Autobahnbrücke entlang, die den niedrigen Himmel in zwei ungleich große Stücke teilt, vorbei an Graffiti und Schlaglöchern, immer der Messeturmspitze entgegen. Zum ersten Mal das Gefühl und nicht nur der Gedanke, hier zu Hause zu sein.
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Das Ende des Semesters wird auch das Ende des Studiums sein und ob gerade Erleichterung oder Angst überwiegt, ändert sich von Sekunde zu Sekunde. Vor einigen Wochen unterhielten sich 2 Kommilitonen, sie sagte, sie gehe gerne auf Uniparties, um “die Leute mal wiederzusehen”. Er erwähnte knapp, das sei der Grund, aus dem er dort eben nicht auftauche. Ich saß dazwischen, und so fühle ich mich auch. Mein Fazit ist ein Schulterzucken, mehr nicht, weder was Besseres noch was Schlechteres und so neutral wie sich das anfühlt wird der Blick verzerrt vom nagenden Zweifel, es sei doch sozial angebracht, irgendwen zu vermissen. Wenigstens eine Person. Ich denke nach, aber mir fällt niemand ein. Vermissen kann man wohl erst so richtig, wenn es vorbei ist. Trotzdem fange ich jetzt schon an, Namen und Gesichter zu vergessen.
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“Overdressed und dehydriert.”
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An einem Donnerstagmorgen bin ich zum ersten Mal in meinem Leben froh, so krank zu sein, dass ich nicht zur Arbeit gehen kann. Ich denke darüber nach, verstehe es selbst nicht und schlafe daraufhin erst mal 13 Stunden am Stück. Dann schreibe ich in 2 Tagen eine Arbeit mit 47 Seiten und fühle mich danach noch leerer als vorher. Während woanders EM-Viertelfinale ist, sitze ich in der Bibliothek, werde danach auf dem Weg zur U-Bahn einmal komplett nassgeregnet und trotzdem bietet mir ein netter Spanier auf den letzten Metern vor der nassen Treppe noch seinen Schirm an. “Immerhin”, lächelt er.
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Markus Wiebusch als der Himmel langsam wieder hell wird: “Hoffnung ist das Schlimmste, was uns jetzt noch passieren kann.” Ich will das in dem Moment pathetisch und depressiv und kacke finden, was mir aber nicht gelingt.
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Nach dem Regen ist die Sonne am schönsten.

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Pünktlich zum 21. Geburtstag eine Bluse gekauft, die das 12 Jahre alte Mädchen in mir glücklich macht. Alles erreicht. Kthxbye.

Ich mag Konzerte. Was ich hingegen nicht so mag, ist darüber zu schreiben. Beziehungsweise komme ich mir dabei einfach so ungelenk vor wie damals mit 12 auf dem Schwebebalken. Dienstagnacht war auch so ein Moment, in dem mir jegliche Gedanken aus dem Kopf gefegt waren, ich das war, was man früher “geflasht” genannt hätte (was damals auch schon ein dummes Wort war) und wie man schon merkt, fehlt mir das Vokabular, um das Erlebte auch nur annähernd angemessen zu beschreiben. Es klingt alles so oberflächlich, so hohl, schon 1000x gelesen und deshalb nicht mehr in der Lage, tatsächliche Gefühle zu transportieren.
Wir standen ca. 1 Stunde vor Beginn in der Masse vorm Eingang, zu unseren Füßen zertretene Dosen Red Bull, vereinzelt weibliche Füße in Plateaupumps und Peeptoes, auf Augenhöhe viele umgedrehte Basecaps, gerne noch mit Aufkleber drauf, beim Blick nach oben blauer Himmel mit kleinen Schäfchenwolken. Ich stand da und dachte: Schön sonnig. Und: Nicht mein Publikum. Etwas später standen wir in der Halle, durch die zu der Zeit noch gelegentlich etwas kühle Luft zog und ich dachte: Definitiv nicht mein Publikum. Der Typ links von mir hatte ein Eko-Fresh-Wallpaper auf seinem Samsung-Smartphone, der rechts war einfach nur laut und erzählte hörbar entrüstet dem gesamten vorderen Hallenteil davon, dass die “Fotze” bei Burger King die Eiswürfel in seinem Getränk vergessen hatte.
Ich stand also da und war nicht mehr ambivalent, sondern eher ein wenig fatalistisch. Ich erwartete nichts, das hatte ich mir vorher schon eingeredet, man muss sich ja vor Enttäuschungen schützen. Und spätestens als ich vor sehr, sehr hässlichen T-Shirts stand, die für 40€ pro Stück verkauft wurden, hielt ich die ganze Veranstaltung für einen Witz und weinte schon halb dem vielen Geld, das ich für das Stehplatz-Ticket hingelegt hatte, hinterher.
Ich war früher mal in einer StudiVZ-Gruppe namens “Ich habe nichts gegen Hip Hop, aber ich höre lieber Musik”, was genau so bescheuert war wie ich zu der Zeit. Und dann stand ich am Dienstag da in der Frankfurter Festhalle und war gefühlt eine der wenigen, die eben nicht mit Rap “aufgewachsen” waren, sondern mit den Rolling Stones, verschiedenstem Britpop und vor allem den Ärzten, und erst verhältnismäßig spät gerafft hatten, dass man sich fürchterlich limitiert und der selbstverordnete musikalische Tunnelblick nicht konsequent, sondern vorverurteilend war und es auch außerhalb der Indie-Geschrammel-Schublade verdammt gute Musik gibt. Dafür musste ich aber erst mal aus der Pubertät herauskommen, was ein anstrengender und eher hässlicher Akt war, und während meine musikalische Sozialisation dann interessanter wurde, fühlte ich mich nach wie vor einfach heimischer, wenn da mehrere Gitarren auf der Bühne zu sehen waren.
Also kam ich mir an besagtem Abend mal wieder vor wie ein Tourist in einer Stadt, in die ich gar nicht so wirklich reinpasse, alle anderen um mich herum aber schon und sich darüber hinaus exzellent auskennen. Und zwar wirklich alle, nicht so wie in Berlin. Das ist natürlich Schrott, den gleichen Eindruck hatte ich zu Beginn meines Studiums von ganz Frankfurt, aber wenn man keinen Punkt zum Andocken hat, steht man erst mal vor der verschlossenen Tür, bis man sich mal traut, näher ranzugehen. Am Dienstag jedenfalls stand ich also da, wartete auf Jay-Z und Kanye, und während andere nachher Blogeinträge schreiben würden, in denen sie die beiden als Götter und das Konzert als heilige Messe titulierten, beschäftigte mich am meisten, dass mir der Rücken wehtat, ich gerne mal aufs Klo gegangen wäre und außerdem ein bisschen müde war. Und dann setzte der erste Bass ein, den ich zu Anfang irgendwo mitten im Brustkorb spürte, um das Herz herum, und ich bekam Gänsehaut. Ich wusste schon, dass das irgendwie was Besonderes war, deshalb hatte ich ja vorher überhaupt die Karte gekauft, aber jetzt fühlte ich es.
Klar, Eindrücke eines Konzerts sind absolut subjektiv und deshalb sehr unterschiedlich. Sie hängen von den Erwartungen ab, davon, wer gerade neben mir steht oder davor oder auf meinem Fuß, was ich für dieses eine Konzert alles auf mich genommen habe und wie ich mir einen “perfekten” Abend überhaupt vorstelle. Ich kann lediglich festhalten, dass das am Dienstag das beste Konzert war, das ich in diesem Leben sah und dass es echt einiges an ernstzunehmender Konkurrenz gibt. Danach war ich einfach so weggepustet und glücklich, ruhig und zufrieden und gleichzeitig total aufgekratzt und erschöpft, und das obwohl ich auch eine krass schlechte Performance einfach so hingenommen hätte. Das Publikum war angenehm, ich sah niemanden mit ausgefahrenen Ellenbogen und niemanden, der während des Konzerts rauchte, als ich stolperte, wurde mir aufgeholfen, und dann lese ich Blogposts, in denen sich Leute darüber aufregen, dass die Reihen vor ihnen die Arme nach oben streckten. Ernsthaft? Klar, viele filmten und fotografierten jede Bewegung auf jeder Bühne oder versuchten das zumindest und ich fragte mich zwar, wie viel man tatsächlich von einem Moment hat, wenn man permanent damit beschäftigt ist, ihn festzuhalten, aber warum sollte mich das /aufregen/, so dass ich richtig aggressiv werde, so wie es in einigen Repliken rüberkam, die ich las? Euer Organismus scheint grundlegend anders zu funktionieren als meiner, ich war glücklich und in meinem Kopf alles hell und friedlich, als hätte man mein Gehirn durch einen Haufen Gänseblümchen ersetzt.
Ich hatte das Bedürfnis, über das Konzert zu schreiben. Nicht, um es zu veröffentlichen, sondern um es festzuhalten. Den Gefühlszustand. Um das alles irgendwie raffen zu können, auch wenn das jetzt sicher bescheuert klingt. Das waren 2 Stunden Synapsenpogo, die muss man ja irgendwie verdauen. Die Laser, die Scheinwerfer, die LED-Würfel, die Grills, die Goldketten, das Feuer, die riesige Flagge, DER BASS, es war die angenehmste Übersättigung aller Zeiten.
Ich gebe zu, ich stehe ja unheimlich drauf, nach irgendwelchen Ereignissen zu lesen, wie andere das fanden. So wie ich mir auf Youtube verschiedene Songs aus 5 Perspektiven anschaute, interessiert mich auch, wie verschiedene Leute das empfunden haben, was mich durch die ganze Woche getragen hat. Und ich finde es auch wahnsinnig faszinierend, was andere für einen Rahmen um diese Geschichte bauen. Und, was schade ist: So häufig geht es um Abgrenzung. Bei mir auch, in diesem Text auch, das ist mir bewusst. Aber eben nur, weil es zu Anfang ein so dominanter Eindruck war - sonst hätte ich das vermutlich nicht mal bemerkt.
Aber bei euch, die ihr euch so sehr darauf gefreut habt, immer wieder betonend, wie sehr ihr in diesem Genre doch verwurzelt seid und wie lange schon Fan, wenn der Großteil eurer Konzertberichte daraus besteht, dass ihr über das Publikum meckert, über die, die filmten, über die, die fotografierten, über die, die vor euch standen, über die, die ihre Arme hoben, über die, die schnell begeistert waren, über die, die eurer Ansicht nach gar nicht so cool sind wie ihr und das alles nicht so fühlen und leben wie ihr (“weißt du was ich meine?”), was ist das für eine Vorstellung von Hausrecht? Wenn ich etwas liebe, will ich es anderen näher bringen. Ich will es verbreiten, ich will andere daran teilhaben lassen und ich freue mich, wenn sie tatsächlich etwas davon mitnehmen und Freude daran finden. Ihr habt zum Teil scheinbar immer noch dieses Musikgefühl, das ich mit 14 hatte: Meins. Das hier ist meins und das ist es vor allem dadurch, dass es nicht eures ist. Dass wir es eben nicht teilen. Dadurch bin ich cool und individuell und euch überlegen. Ganz ehrlich, ich hasse Vereinsmeierei und bräsiges Zufriedensein aufgrund von Gruppenzugehörigkeit ist was ganz Ekliges, aber was ist das für ein Phänomen, dass man selbst bei sehr sehr reichen Rappern, die unvorstellbar viele Leute hören, eine Demarkationslinie ziehen muss, um die Musik für sich zu haben? Oder, wenn man dann plötzlich merkt, shit, da stehen ja noch 10.000 andere in dieser Halle, die auch Ohren haben, dann immerhin zu behaupten, was ganz Besonderes zu fühlen und einen anderen Zugang zu finden als der ganze Pöbel, der einen gerade umgibt? Als würde man einen Kreis aus Kreide um sich ziehen, um allein zu sein. Von außen sieht das ziemlich behämmert aus.
Einmal etwas tun, ohne dabei cool sein zu müssen. Ohne sich einreden zu müssen, man sei cool. Ohne sich über andere zu erheben. Manchmal wünsche ich mir, wir könnten einfach etwas entspannter sein. Weniger Rechtfertigungen suchen. Hey, ich hab manchmal Bock auf Britney Spears und wenn du auch Dinge magst, die viele mögen, dann gib mir jetzt deine Hand. Wir können gar nicht alle Randgruppe und Subkultur sein und es ist ein unsinniges Streben, sich immerzu diese Etiketten aufkleben zu müssen.
Manchmal wünsche ich mir, ich würde immer so denken. Und manchmal wünsche ich mir auch, ich hätte doch 40€ für ein Shirt ausgegeben, auf dem bloß “Ball so hard” steht. Okay, das war jetzt gelogen.
tl;dr

Ich habe geträumt, dass wir zusammen Californication schauen. Noch mal von vorn, 2, 3, 4 Staffeln am Stück. Und alles war gut und würde noch besser werden, wenn wir nur fest genug dran glaubten.

Das Dorf zu verlassen fühlt sich jedes Mal an wie ein Triumph. Da erscheint schon die Fahrt mit der holpernden Regionalbahn als Errungenschaft. Und dass man so schnell nicht zurückkommen wird wie ein mutiger, fast größenwahnsinniger Akt der Anarchie. Weil der Plan ist, dass alle hierbleiben. Dass sie nie über den engen Tellerrand aus Hügeln und Bäumen und schmutzigen Feldwegen schauen.
Das Problem ist nicht, dass man sich hier nicht wohlfühlen kann. Sondern dass es gefährlich ist, das jahrzehntelang zu tun. Und wenn man zu viele Leute sieht, denen es so geht, bekommt man es mit der Angst zu tun. Wahrscheinlich zurecht, denn Langzeitfolgen scheinen nicht nur komische Auffassungen von Sprache oder Mode zu sein, sondern auch engstirnige Betrachtungen aller Lebensentwürfe, die nicht darauf abzielen, mit spätestens Mitte 20 mit der klassischen Kernfamilie im Eigenheim zu hocken und ein Leben lang nicht mehr rauszukommen. Die einzigen Variablen sind hier die Marke des Autos vor der Haustür und ob man jetzt Polen, Russen oder Türken mehr verachtet.
Hier ist unendlich viel Platz, Äcker, Wiesen, Wälder, so viel Nichts, und doch sind alle Menschen so verstrickt, sie hängen in ihren engmaschigen Netzen und beobachten sich gegenseitig bei allem was sie tun, weil sie sonst nichts haben, weil sie sonst nichts interessiert. Das Dorf fühlt sich an wie ein Pullover mit zu engem Halsausschnitt. Hier nehmen sich alle gegenseitig die Luft zum Atmen. Und dabei tun sie so, als scheine über ihnen immer die Sonne. Als seien alle glücklich und zufrieden und erwarteten vom Leben nicht mehr. Als gebe es ihnen Halt, doch ich habe mich hier nie aufgehoben gefühlt. Keine schützende Hand über mir, nur ein großer Schatten, der den Himmel verdeckt.
Bis ich merkte: Hey. Ich kann gehen. Und was ich auch kann, ist nicht mehr wieder zu kommen. Aber WENN ich komme, dann weiß ich wieder, wofür die Evolution mir zwei Mittelfinger gab.
Viele von uns haben eine recht genaue Vorstellung davon, wer sie sind, manche sogar davon, wer sie mal sein möchten, aber die allermeisten von uns sind sich einig, dass sie früher anders und vor allem blöder waren. Höchstwahrscheinlich sehr viel blöder, was diverse Situationen rückblickend sehr unangenehm gestalten kann. Man kommt zu dem Schluss, dass es vielleicht ganz gut ist, sich früher eigentlich nichts bewusst gewesen zu sein, um sich nicht permanent für sich selbst schämen zu müssen. Was verdammt frustrierend sein kann, wenn man ohnehin sehr selbstaufmerksam ist/war. Das Leben ist doch gemein: Da ist man gezwungen, jede Sekunde darauf zu achten, wie man jetzt verschiedene Körperteile möglichst unkomisch anzuordnen hat, wie man schaut, wohin, wie lange, mit wem man worüber redet und dass man nicht versehentlich irgendetwas unendlich Peinliches berichtet. Weil es einem eben so rausrutscht, weil man nicht nachdenkt. Was nie passieren wird, aber egal. Als wären Pubertät und Schule und der ganze zwischenmenschliche Mist nicht schon als normalverwirrter Mensch mit stabiler Emotionsregulation schwer auszuhalten.
Ich fühlte mich oft allein, ich war aber auch oft glücklich, doch wenn man immer beobachtet und denkt, bewertet und sich Gedanken macht, schiebt einem das eigene Gehirn Jahre später die Rolle des Beobachters zu. In Erinnerungen stehe ich meist am Rand oder aber mittendrin, wobei sich alles meterweit von mir entfernt langsam um mich dreht, ich fühle mich wie eine Eisscholle im großen, weiten Meer. Aber ich weiß nicht, wie ich mich als diese Eisscholle fühlte. Der Katalog mit den Worten, die man als kleines Kind lernte, um Missfallen oder Freude zu benennen, ist leer. Kein gut oder schlecht, keine Aufregung und keine Entspannung, es ist ein stetes Schweben zwischen Tausenden Fixpunkten, die ich alle weder sehen noch berühren kann.
War das damals auch so, fühlte sich das so an? Es gibt Überbleibsel an meinem Körper und in meinen Tagebüchern, von denen ich keines behalten wollte, die auf tiefe Traurigkeit und Verzweiflung schließen lassen, aber ich kann sie nicht mehr erinnern, da ich so weit weg bin und keine Verbindung mit der Person von damals mehr habe.
Und ich glaube, das ist ein Schutzmechanismus. Heute tue ich, ohne was Anderes zu können, genau das, was ich damals für unmöglich hielt. Ich dachte, es wird sich nichts ändern. Das Hauptproblem, den Bremsklotz hat man ja dabei, immer, ob man möchte oder nicht. Sich selbst. Man kann sich nicht selbst loswerden, jedenfalls nicht seine Eigenheiten, Fehler und Probleme. Nur das Ich von gestern und vorgestern und den ganzen Jahren und Begegnungen davor, an die man sich schon gar nicht mehr erinnert, das kann man negieren und sich möglichst weit davon zu entfernen versuchen. Auch wenn man immer noch das gleiche Muttermal hat wie diese Person von vor ein paar Jahren, mit der einen nichts mehr verbindet. Mit der man nicht mehr verbunden werden will. Würde ich an meinem 17jährigen Ich vorbeigehen, ich hätte nichts, worüber ich mit mir reden wollte.
Und wir haben die Vorstellung, die Hoffnung davon, wie wir unser altes Ich abstreichen wie eine Schlange ihre alte Haut. Und dann sind wir nackt, aber manchmal muss man Grenzen nach außen abbauen, die ganzen Schichten Watte zwischen innen und außen. Und man erschrickt, weil man nicht gewohnt ist, keine Übung mehr darin hat, wenn jemand einen direkt berührt, die Wärme in die Brust schießt, und man erschrocken tief einatmet.
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Deine Hand auf meiner Haut, die über meine Rippen streicht, über meinen Nacken, ist der Finger in der Wunde. Gerade so viel, um es aushalten zu können, aber wenigstens Zuckungen nach unten und oben in der täglichen Monotonie, wie ein EKG, das sonst nur eine einzelne, schnurgerade Linie zeigt.
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Ich wurde nie zuletzt in eine Mannschaft gewählt, aber das ist letztendlich egal, wenn man gar nicht mitspielen möchte. Da hilft es dann auch nicht, sich einzureden, dass alles besser würde, gäbe man sich beim entschlossenen Rumstehen mehr Mühe. Und man kommt zu dem Schluss, dass manche menschen eben unglücklicher sind als andere. Empfindlicher auch. Und dass man eben manchmal Pech hat damit, was für ein Mensch man war, ist und wird. Unsere Grunddisposition kann ein ziemliches Arschloch sein.
Ich weiß gar nicht, ob dieses Gedankenkarussell so schlimm ist. Es fühlt sich aber manchmal schlecht an und vor allem ernüchternd, wie eine Bloßstellung der Person von damals. Früher konnte ich vor dem Einschlafen stundenlang in der dunklen Stille liegen und mir detailliert ausmalen, wie alles besser wäre. Nicht wie ich dahinkäme oder welche Ziele ich habe, sondern wie das jetzt wundersamerweise in alles transformiert würde, was ich mir wünschte. Wer ich wäre, wo, mit wem, was ich dann fühlte. Und in diesen Stunden, alleine, war ich immer am besten. Und doch wusste ich, dass ich nie so sein werde, nie dort, nie mit diesen Menschen. Aus heutiger Sicht ist das immer noch ein Betrug an der Person, die man eigentlich war, wir verirren uns selbst immer noch in unseren eigenen Wünschen und Träumen, aber wir sind groß genug, um zu wissen, was wir können. Und leider auch, was nicht. Denken wir jedenfalls und setzen uns mehr Grenzen als wir ohnehin schon haben. Manchmal versuchen wir immer noch, uns besser zu machen, vor uns selbst klappt das aber nur noch selten. Mögen uns andere jedoch, gehen wir davon aus, dass es wohl bei denen geklappt hat. Gelegentlich haben wir aber auch die leise Ahnung, dass wir besser sein könnten als wir denken, aber die bestätigt sich nie durch das Zurückschauen.
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Und die Leute von damals sind auch keine Freunde mehr, sondern Fremde, die merkwürdigerweise Ähnliches erinnern, aber ganz anders als wir selbst. Und wir in ihrer Erinnerung sind auch nicht mehr wir, so wie sie in unserer nicht mehr sie sind.