-

Das sind diese Nächte, in denen man ohne Grund bescheuert viel Koffein in sich hineinkippt und bescheuert lange wachbleibt. Weil man nicht schlafen will, keine Ruhe will, das hat man sich nicht verdient. Das sind diese Nächte, in denen man nur rumsitzt, nichts auf die Reihe bekommt und die Frustration über die allgemeine Lethargie und die ganzen Zwänge im Leben zu unangenehmer innerer Unruhe wird. Dieser ganze selbstgewählte Scheiß, wann hat man sich das eigentlich alles so zusammengestellt? Einmal mit der Schubkarre durchs All-you-can-eat-Buffet und dann dran ersticken. Sich immer mehr aufbürden, immer mehr wollen, immer weniger Erwartungen enttäuschen, sich immer beschissener fühlen, das alles nur, damit man denkt, man schafft eben doch was. Seht her, ich in Superwoman, ich bin Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt und das Himmelsgewölbe stützt und nebenbei rolle ich noch den ganzen Tag Steine einen Berg hoch und vermittle trotzdem den Eindruck, dass man sich mich als glücklichen Menschen vorstellen muss. Ja, ich mache so viel und kriege nichts zu Ende, ich will alles und bekomme nichts und dann denke ich, dass sich das ja mal wieder gar nicht gelohnt hat. Das sind diese Nächte, in denen man am liebsten rausgehen und irgendwas kaputttreten will, oder anzünden, am liebsten sich selbst. Aber das haben einem die letzten 20 Jahre auf diesem Planeten ja wegerzogen. Das rebellischste, was der durchschnittliche Dorfteenager macht, ist Laternen austreten und kiffen. Und wer sich noch nie die Fingerknöchel verletzt hat, als er gegen eine Wand schlug, der werfe den ersten Emo-Kommentar. Das sind diese Nächte, in denen egal ist, was im letzten Jahr war, ob da was für den Lebenslauf dabei war oder fürs Herz. In diesen Nächten ist alles nichts und nichts ist alles und man selbst ist gleichzeitig Herrscher der Welt und jämmerlicher Versager. In denen man rausgehen möchte und Sex haben mit irgendjemandem, den man nicht liebt. Und in denen man dann erschrocken ist, dass man sowas gerade wirklich dachte. Aber wenn das für andere funktioniert, warum dann nicht auch für mich? Als würde die Banklehre der anderen für mich funktionieren. Ihr ausgebautes Dachgeschoss im Elternhaus. Ihre schnelle Zufriedenheit, die ich einerseits so verachte, aber andererseits noch mehr beneide. Was ist ein besserer Garant für Glück als die Gewissheit, mit dem Konventionellen umgehen zu können? Einen Lebensentwurf gefunden zu haben, der gut ist, sich gut anfühlt, ohne ihn überhaupt suchen zu müssen? Ich halte mich nicht für schlauer, nur für trauriger und schwieriger. Ich hätte auch lieber ein spießiges Knöcheltattoo, das mir gar nicht so spießig vorkommt als sehr gut verheilte Schnittwunden auf dem Arm. Aber sowas sucht man sich nicht aus und wenn, habe ich den Zeitpunkt verpasst.