Meine Kurzgeschichte für 63,75

Die folgende eher längliche Kurzgeschichte erschien zum Teil schon im Buch 63,75, das man hier erwerben kann. So richtig auf Papier und wunderhübsch und groß mit wunderbaren Texten fantastischer Autorinnen und Autoren drin. Und mir, juhu!

-

Und ich gebe zu ich bin ziemlich kriegsgeil

ich will dabei sein wenn das alles explodiert

und dann tot sein oder aufstehen aus Asche und Trümmern

und zusehen dass der Laden wieder funktioniert

(Gisbert zu Knyphausen)

Als es passierte, kannte sie Herrn W. seit ziemlich genau einem Jahr. Unter normalen Umständen ist das eine Zeit, in der man einen Menschen gut kennenlernen kann, in der Psychoanalyse jedoch bedeutet dies nicht viel mehr als dass sie gerade angefangen hatten an seinen größten Problemen zu arbeiten, doch diese konnten sich gleich am nächsten Tag wieder ändern, denn bei Herrn W. bedeutete ihn ein Jahr lang zu kennen, dass man immer noch keine Ahnung hatte, wer er eigentlich war.

Es gab Leute, mit denen sie nur kurz ein paar Worte wechseln musste, nicht mal ganze Sätze, um sie mental einsortieren zu können. Diese Kategorisierung anhand der Art wie sie redeten, über sich selbst sprachen, mit ihrer eigenen Vergangenheit umgingen und in die Zukunft sahen, hatte sie schon ihr ganzes Leben lang bewusst und unbewusst geprobt. In diesem einen Fall allerdings, bei der Betrachtung dieses merkwürdigen Mannes, funktionierte sie überhaupt nicht mehr.

Sie kannte die Eckdaten seines Lebens, aber nichts, um die von ihnen aufgespannte leere Fläche mit Bedeutung zu füllen. Da war die Frau, die nicht mehr lebte und über die er selten sprach, und wenn, dann ganz so als sei sie nie gestorben, sondern als hätte sie sich eines Tages einfach dazu entschlossen zu verschwinden. Zwei Kinder, die mittlerweile längst erwachsen, weggezogen und für ihn dadurch fast genauso unerreichbar waren, denen er allerdings recht gleichgültig gegenüberzustehen schien. Früher hatte er an einem Gymnasium unterrichtet, Mathematik und Physik, bis er dann vor etwa 10 Jahren in Rente gegangen war. Heutzutage schien nicht mal er selbst noch zu wissen, warum er alleine und die allermeisten Tage sehr traurig in einer kleinen Dachstube in einem schiefen Fachwerkhaus am östlichen Rande Wiesbadens wohnte, wo es still war und leer, kein Leben in den Straßen, und grau war es wohl auch, zumindest in seinen Berichten, die oft ausuferten, wenn er mal wieder in einer gereizten Stimmung war. Und das war er häufig, trotz seiner sonstigen Kraftlosigkeit.

Überhaupt war da wenig Farbe und Licht in ihm und seinen Erzählungen. Er selbst hatte hellgraue Augen, die hinter seiner dicken Brille oft nervös blinzelten, eine Farbe, die wie ausgewaschen erschien, ganz so als sei sie einst viel kräftiger gewesen. Herr W. war groß, doch er wirkte nicht so. Seine breiten Schultern und sein vorgestrecktes Kinn konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er über die Jahre mehr und mehr in sich zusammengesackt war. Er war früher bestimmt einmal eine stolze Person gewesen, doch davon waren nur die gut sitzenden Jacketts und Hemden übrig geblieben, die er mit Vorliebe trug, so als repräsentiere er mehr als einen alten Mann, der sich oft innerlich leer, allein und von der Welt im Stich gelassen fühlte. Hobbys hatte er keine, außer der Mathematik, die ihm mehr bedeutete als alles andere. Er konnte sich stundenlang in seinen Berechnungen verlieren und an besonders langen, tristen Tagen, von denen es viele gibt, wenn man allein ist und in seinem Leben keinen Sinn mehr erkennt, grub er oft alte Probleme aus, die er früher nicht hatte lösen können. Diese ließen ihn nicht los und es frustrierte ihn umso mehr, wenn er sich wiederholt als unfähig erwies, sie zu verstehen. Es schien als brenne in ihm beständig ein Feuer der Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt und es war nicht ganz klar, ob dieses Feuer schon immer dagewesen oder vor vielen Jahren von etwas entfacht worden war. Sicher war nur, es würde so schnell nicht mehr ausgehen und oft genug wirkte es auf seine Therapeutin wie die einzige Art von Energie, die er noch besaß.

Es frustrierte ihn über alle Maßen, dass niemand seine Liebe zur Mathematik nachvollziehen konnte, geschweige denn die Probleme selbst, an denen er in seiner Kammer oft nächtelang Stunde um Stunde herumtüftelte. Er erwartete es auch gar nicht mehr. Über die Jahre war er in eine derartige Verbitterung hineingeraten, dass er sich erschrocken die Brille geraderücken musste als seine Therapeutin ihm in einer Sitzung mitteilte, dass sie zwar den mathematischen Formeln nicht folgen könne, doch gut verstehe, wie wichtig ihm die Beschäftigung damit sei, hatte er doch gerade wieder zu einer seiner ausufernden Tiraden über seine dummen, unempathischen Mitmenschen angesetzt, die ihn alle nicht verstünden und mit denen er deshalb auch nicht mehr rede. Überhaupt, Menschen.

Herr W. ging sehr gerne spazieren, manchmal lief er stundenlang ziellos durch die Stadt. Seine Spaziergänge waren die luxuriöseste Form der Zerstreuung, die er sich genehmigte. Er unternahm sie am liebsten nachts oder in der Morgendämmerung, wenn er im Biebricher Schlosspark vielleicht ein paar einsame Jogger oder Alkoholiker traf, bei denen er zwar jedes Mal neu evaluierte, wen er mehr bemitleidete, die ihn aber zumindest nicht ansprachen. Mit anderen Menschen zu reden fand er überaus anstrengend, er hatte immer das Gefühl, sein Gegenüber zu langweilen. Das beunruhigte ihn nicht sonderlich, schließlich ging es ihm selbst mit den meisten so, bestätigte ihn aber in seiner Ansicht, dass ein alltägliches Gespräch ohne Ziel und Erkenntnis mit die schlimmste Zeitverschwendung darstellt, zu der der moderne Mensch fähig ist.

Er hatte sich über die Jahre jeglicher sozialer Kontakte entledigt, sonderlich viele waren das ohnehin nie gewesen, und mit dem Tod seiner Frau seien auch die wenigen bis dato aufrechterhaltenen Bekanntschaften im Sande verlaufen. Er selbst habe allein weder die Kraft noch den Willen, Beziehungen aufrechtzuhalten. Seiner Frau sei das immer leichter gefallen, sie habe mit Zwischenmenschlichem viel natürlicher und spontaner umgehen können als er, für den die Pflege sozialer Kontakte lästigen Fleißaufgaben gleichkam und zur selben Zeit mit Unsicherheiten und Ängsten versetzt war, da er Schwierigkeiten hatte, die zugrundeliegenden Regeln zu erkennen, die alle anderen Menschen scheinbar internalisiert hatten und über die außer ihm niemand mehr nachzudenken schien. Es machte ihn wahnsinnig, diese Unbeschwertheit zu beobachten, zu der er nicht in der Lage war, genauso wie er gute Laune und Ausgelassenheit nicht verstand. Oder Partys. Was hatten andere Leute eigentlich immer zu feiern?

Die Feststellung der Therapeutin, dass seine Frau ihm damals den Zugang zur Welt erleichtert habe, tat er mit einer Handbewegung ab, fast so als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, und nannte sie „pathetisches Gewäsch“. Doch als er danach den Blick auf den Boden richtete, huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht, gerade so, dass man es erahnen, aber nicht wirklich sicher sein konnte es gesehen zu haben, so schnell war es wieder verschwunden.

Über seine Frau sprach er kaum, über ihren Tod nie. Wie sie gestorben war wusste seine Therapeutin auch nach einem Jahr Analyse noch nicht und sie vermutete, dass er nicht antworten würde, fragte sie ihn direkt. Also wartete sie ab und versuchte währenddessen, die tiefsitzende Unzufriedenheit zu ergründen, die ihn stets überkam, musste er sich mit der Welt außerhalb seiner kleinen Wohnung auseinandersetzen.

Doch als er an diesem sonnigen Junitag in der Praxis seiner Therapeutin erschien war er ganz anders als sie ihn bisher erlebt hatte. Er wirkte auf eine merkwürdige Art fröhlich, auf jeden Fall aufgeregt, und sie hatte keine Ahnung, woher dieser Zustand kam. So nervös und fahrig wie er sich wiederholt die schneeweißen Haare an den Schläfen glattstrich und seinen Hemdkragen richtete, machte er auf sie einen fast manischen Eindruck und sie fragte sich, ob sie sich zurecht sorgte. War es nicht etwas Gutes, dass der sonst so ruhige, zeitweise fast apathisch wirkende Herr W. auch noch aufgeregt sein und sich auf etwas freuen konnte? Dies waren doch immerhin normale Gefühlsregungen, ihr kleiner Sohn hatte neulich auf ähnliche Art seinem ersten Schultag entgegengefiebert. Nur bei Herrn W. wirkte es bizarr, ganz so als habe sein fahles Gesicht mit der Zeit das Lachen verlernt, so dass seine Mundwinkel nur noch unter großer Anstrengung den Weg nach oben fanden, wobei sich auch der Rest seines Gesichts verzerrte und das daraus resultierende Lächeln wirkte, als habe es jemand geschnitzt, der sehr wenig Ahnung von der menschlichen Anatomie hatte.

Die Therapeutin fragte ihn wie jede Woche, wie es ihm in den letzten Tagen ergangen sei. Er blickte ihr ohne Blinzeln direkt in die Augen, grinste, schien einen Moment zu überlegen, ob er den Grund seiner freudigen Unruhe mit ihr teilen solle, schlug dann die Beine übereinander, lehnte sich zurück und sagte mit einer für seine Verhältnisse recht lauten und sicheren Stimme, er habe an etwas gearbeitet, das er lange vor sich hergeschoben habe, vorrangig aus Angst, es könne scheitern. Aber jetzt sei es soweit, er wisse sicher, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei, er habe lange gewartet und sich vorbereitet und es habe sich gelohnt. Auf den fragenden Gesichtsausdruck seiner Therapeutin antwortete er nur mit einem erneuten Lächeln. Ihr fiel erst jetzt auf, dass er beim Reden in ihre Richtung gerutscht war, er saß jetzt auf der Kante der Couch, von wo er ihr unentwegt in die Augen schaute und, das wusste sie genau, gespannt ihre Reaktion abwartete. Sie war zu beunruhigt und zugegebenermaßen auch zu neugierig, um ihn lange warten zu lassen und tat ihm den Gefallen, direkt nach diesem Projekt zu fragen, welches ihn so beschäftigte. „Nun“, sagte er leise, während er sich mit den Fingern über das stoppelige Kinn strich, „es ist mehr ein Geschenk an meine Frau als eine… nennen wir es eine Aufgabe, die ich sonst nur für mich erledige, wie die Mathematik. Und es war trotzdem schwer, ich habe die Zeit auch gebraucht. Aber jetzt sind sieben Jahre vergangen. Es ist Zeit.“ Die Therapeutin erinnerte sich, dass er in einem der ersten Gespräche bereits den Tod seiner Frau erwähnt hatte, sie war im Sommer gestorben, das wusste sie noch, und vor sieben Jahren, aber mehr nicht. Spielte er darauf an? Sie war sich auch nicht sicher, warum er das tun sollte. Und schon gar nicht, wofür nun angeblich Zeit sei. Bevor sie sich eine vorsichtige Frage zurechtlegen konnte, fuhr ihr Patient allerdings von sich aus fort: „Nun, Sie werden davon erfahren, da bin ich mir sicher. Es dauert auch gar nicht mehr lange. Wissen Sie, die Analyse fand ich immer sehr spannend. Ich würde sie nicht Refugium nennen, aber sie ist eine angenehme Illusion. Als wäre alles so einfach und als würde Nachdenken irgendwas bringen. Dem würde ich auch gar nicht widersprechen, wären mehr Menschen dazu in der Lage. Aber so, so wie die Welt funktioniert, so wie die Menschen funktionieren… so bringt es doch alles nichts, leider.“ Mit einem Seufzen stand er auf, nahm seinen Mantel vom Haken und wandte sich zum Gehen. Sie wollte ihn bitten, sich wieder zu setzen, seine Gedanken zu sortieren und vor allem zu erklären, da hatte er schon die Türklinke in der Hand, drehte sich ein letztes Mal zu ihr um und sagte knapp: „Bleiben Sie den Rest des Tages lieber zu Hause.“. Mit einem leisen Klicken fiel die Tür ins Schloss, sie hörte, wie sich seine energischen Schritte auf den knarrenden Dielen des Flurs schnell entfernten und wählte mit zitternden Fingern den Notruf.

Herr W. schien nicht überrascht, als kurze Zeit später ein Sondereinsatzkommando der Wiesbadener Polizei bei ihm klingelte, allerdings hatte er offensichtlich in der Zwischenzeit beschlossen, nicht mehr zu sprechen. Stumm lächelnd ließ er sich von den Beamten nicht einmal zu einem Nicken oder Kopfschütteln bewegen und beobachtete gleichgültig, wie sie seine wenigen Zimmer durchsuchten, vermutlich ohne selbst genau zu wissen, was sie zu finden hofften. Die Polizisten blätterten ziemlich ratlos in den Dutzenden von mathematischen Arbeiten, die er in den letzten Jahren angefertigt hatte, Hunderte von Seiten Millimeterpapier, mit spitzem Bleistift eng beschrieben, gebunden und mit Datum versehen. Genauso sahen seine Tagebücher aus, die allerdings nur kryptische stichpunktartige Aufzeichnungen enthielten, aber da die Beamten auch diese nicht verstanden, was in ihrer Welt als potentiell bedrohlich galt, nahmen sie die dicken Hefte mit. Genauso wie Herrn W., der immer noch nicht sprach, scheinbar in Gedanken versunken aus dem Fenster schaute und sie insgeheim ob ihrer Dummheit verspottete, dessen waren sie sich sicher.

Es passierte am Abend um 20 Uhr. Der Biebricher Schlosspark war voller Menschen, die in schnatternden kleinen Grüppchen auf den Beginn eines Konzerts warteten. Die langen Gräser um die Moosburg herum kräuselten sich im lauen Sommerwind, es war noch hell und auf der Bühne, die direkt neben der imposanten Ruine aufgebaut war, gingen in diesem Moment die Scheinwerfer an, die für einen Moment den ganzen Park zu erleuchten schienen. Dann kam sie die Druckwelle. Der Boden, auf dem die Konzertbesucher eben noch gestanden hatten, sah aus als sei er auf links gedreht worden, es regnete Erde, Steine und menschliche Körperteile und unter den wenigen schwer verletzten Überlebenden brach eine blinde Panik aus.

Herr W. hingegen saß in einem sehr ruhigen, sehr grauen Raum zwei Polizisten gegenüber, die ihm seit mittlerweile einer Stunde hilflos, aber überaus ambitioniert verschiedenste Fragen stellten ohne etwas zu erfahren, was ihnen auch nur im Entferntesten relevant erschien. Der Beamte, der Herrn W. direkt gegenübersaß, war sichtlich nervös, er kaute gelegentlich verstohlen auf seinem Kugelschreiber herum und wippte unter dem Stuhl mit den Füßen, während er versuchte, durch besondere Strenge in der Stimme seine Autorität zu wahren. Als die Zeiger der großen Uhr, die Herr W. die ganze Zeit über aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, auf genau 20 Uhr standen, lehnte er sich lächelnd zurück und begann mit ruhiger Stimme zu erzählen wie er es geschafft hatte, seine selbstgebaute Bombe in den unterirdischen Gängen der Moosburg zu platzieren. Er konnte noch nicht erfahren haben, dass sein Plan funktioniert hatte, aber das musste er auch nicht. Er wusste, dass nichts hatte schiefgehen können. Die Beamten blickten sich gegenseitig hilfesuchend an, doch ihre Zweifel an der Echtheit seiner Schilderungen sollten sich schon in wenigen Minuten zerstreuen.

Wesentlich später an diesem Abend saß seine Therapeutin selbst auf ihrer Couch, sie war nicht nach Hause gefahren, sondern durchsuchte die um sie herum verstreuten Aufzeichnungen, die sie sich während der Therapie gemacht hatte, nach Hinweisen, nach den fehlenden Versatzstücken in ihrem Bild von Herrn W. und seiner Tat, die keinen Sinn zu ergeben schien. Blinder Wahn war nie seine Sache gewesen, er war auch nie grundlos ausgerastet, sein Hass und seine Ablehnung hatten sich immer gegen etwas oder jemanden gerichtet, und wenn es die ganze Welt war, aber grundlos waren sie nie gewesen.

Dann fielen ihr die Notizen des ersten Gesprächs mit ihm wieder in die Hände, und plötzlich konnte sie den merkwürdigsten Patienten, den sie je hatte, verstehen. Sie wusste nun, wie die Idee sieben Jahre lang in ihm gereift war, es ihm immer mehr zum Bedürfnis geworden war, alle Menschen zu bestrafen, die in dieser Welt noch Freude empfinden konnten. Auf einmal wirkten seine Schilderungen nicht mehr wie sinn- und ziellose misanthropische Tiraden, die ohnehin nicht recht zu seinem restlichen Charakter passen wollten, sondern wie das, was sie waren: eine kühle Analyse des verletzenden Zynismus dessen sich all jene schuldig machten, die lächelnd oder gar lachend und vor allem nicht allein durch den Park gehen konnten, in dem seine Frau vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen worden war. Dieses Detail hatte sie komplett vergessen, doch es war die fehlende Variable in der Erklärung, wie sein Leben nur noch zu einer Buchhaltung des Grolls geworden war, wie sich jede Kränkung in ihm angereichert hatte. Es war nicht so, dass er eines Tages plötzlich nicht mehr gewusst hätte, wohin damit, er wusste die ganze Zeit, was am Ende der Gleichung stehen musste, wenn er nicht explodieren wollte: die Anderen.