Eine kleine Notiz zu “Drogen” und Bierwerbung und 4 Zeilen John Green

In einem Seminar zu Substanzabhängigkeit und -therapie wurde vor kurzem über die Instrumentalisierung psychoaktiver Substanzen gesprochen, ein guter Blick über den Tellerrand, gerade weil der nicht als Sucht bezeichnete Konsum seltener wissenschaftlich betrachtet wird, und wenn, dann lediglich als Begleiterscheinung bzw. nötige Anfangsbedingung, um schließlich süchtiges Verhalten zu entwickeln. Viele Forscher plädieren jedoch für die Anerkennung als eigenständiges und durchaus verbreitetes Phänomen, dessen proximate und ultimate Mechanismen interessieren: Wie funktioniert das und warum macht der Mensch das?

Relativ einleuchtend fand ich beispielsweise folgendes Erklärungsmodell: 

Man kann sich unsere Umgebung, in der wir uns täglich bewegen, als Summe kleiner Mikro-Umgebungen vorstellen (beispielsweise Arbeit, Familie, WG, Uni, …). Jede dieser Mikro-Umgebungen stellt gewisse Anforderungen an uns bzw. erwartet spezifisches, rollenkonformes Verhalten. Die beste Anpassungsleistung besteht demzufolge darin, dass wir diesen Wechsel möglichst schnell und gut auf die Reihe bekommen. So, und jetzt kommen die psychoaktiven Substanzen ins Spiel, die uns dabei helfen können, lockerer zu sein, konzentrierter, besser gelaunt - generell die gerade erwünschteste Variante von uns selbst.

Gerade in der sozialen Interaktion sind die kontextspezifischen Regeln und Anforderungen meist nicht explizit und sofort durchschaubar und Übergänge, beispielsweise vom beruflichen zum privaten Setting, können mit besonderen Schwierigkeiten und Stress verbunden sein. Das war im diskutierten Artikel (s.u.) dann auch das Paradebeispiel für den Konsum von Alkohol, welcher das Erreichen bestimmter Ziele (z.B. soziale Disinhibition, reduzierte Angst) erleichtern kann. Man lernt das, vielleicht irgendwann in der Pubertät, wenn man merkt, dass es nach 3 Bier viel einfacher ist, der süßen Mitschülerin seine Liebe zu gestehen - und das, obwohl man nur noch lallen kann - und greift im späteren Leben gerne drauf zurück (erst mal ein Schnaps zur Entspannung und dann noch einer für die Stimmung etc.). Entspannt und fröhlich können wir auch ohne Alkohol sein, darum geht es nicht, wir können es nur nicht immer auf Knopfdruck. Aber höchstwahrscheinlich mit steigendem Pegel.

Dieser Gebrauch psychoaktiver Substanzen lässt sich übrigens auch bei Tieren beobachten, wird von den Autoren entschieden von Sucht abgegrenzt und wenig problematisiert, aber schon allein das genannte Beispiel klingt für mich nicht so, als habe man absolut alles wunderbar im Griff. Sinnvoll, ja. Zutreffend auch. Aber nicht “gut”, oder, um ein noch schwierigeres Wort zu benutzen, “gesund”. Umso komischer fühlte es sich dann für mich an, dass sich eine recht aktuelle Bierwerbung genau dieses Motivs bedient. (Ja, der Spot ist nicht superneu, aber ich sitze selten den ganzen Tag zu Hause und schaue Werbung, deshalb sah ich ihn jetzt erst.)

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Eine interessante Betrachtung “problematischen” Trinkverhaltens findet sich übrigens auch bei Peter Van Houten aus John Greens “The Fault in Our Stars” (Dutton Books, S. 185): 

He took a long drink, then grimaced. “I do not have a drinking problem,” he announced, his voice needlessly loud. “I have a Churchillian relationship with alcohol: I can crack jokes and govern England and do anything I want to do. Except not drink.”

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Zum Weiterlesen hier der erwähnte Artikel.